Welt : Die Knochen lagen im Aquarium

In Brandenburg entdeckten Hausbesitzer in einem Schuppen neun tote Babys

Tanja Buntrock[Claus-Dieter Steyer],Olaf S,e

Die Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder) musste gestern Nachmittag einen grausigen Fund bekannt geben: Auf einem Grundstück im brandenburgischen Brieskow-Finkenheerd hatten Polizisten bereits am Sonntag die Leichen von neun neugeborenen Babies entdeckt. Gegen die 39-jährige mutmaßliche Mutter Sabine H. aus Frankfurt wurde am Montagabend Haftbefehl wegen Verdachts des Totschlags in neun Fällen erlassen. „Die Frau bestreitet im Wesentlichen die Tatvorwürfe“, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft am Montagabend.

Bislang wurde zu den Hintergründen so viel bekannt: Die Schwester und der Schwager der Tatverdächtigen hatten einen Bekannten beauftragt, ihren Schuppen auf einem Nachbargrundstück aufzuräumen. Wie die Staatsanwaltschaft mitteilte, hatte Sabine H. in diesem Schuppen in der Bahnhofstraße „persönliche Gegenstände“ gelagert. Bei den Aufräumarbeiten stieß der Bekannte dann auf ein Aquarium: Darin hätten Knochenteile aus dem Sand gelugt, woraufhin der Mann sofort die Polizei alarmierte. Sechs Beamte durchsuchten den Schuppen und fanden in Plastikeimern und Blumenkästen weitere Überreste von insgesamt neun Babyleichen. Am gestrigen Montag rückten 40 Polizeibeamte mit acht Spürhunden aus Berlin an, um das rund 140 Meter lange und mehrere tausend Quadratmeter große Grundstück nach weiteren Leichenteilen zu durchsuchen. Am heutigen Dienstag wollen die Polizeibeamten das Gebiet weiter durchkämmen.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Sabine H. alle neun Kinder zur Welt gebracht und unmittelbar nach der Geburt getötet hat – im Zeitraum von 1988 bis möglicherweise 2004.

Das Haus der Schwester der Tatverdächtigen liegt in der Nähe des Bahnhofs. Eine ruhige Tempo-30-Zone mit vielen neuen Einfamilienhäusern und ein paar Geschäften: gepflegte Bürgerlichkeit, so scheint es. Die Schwester von Sabine H. lebt mit ihrem Mann in der linken Hälfte eines älteren, mäßig gepflegten Doppelhauses; die Mutter von Sabine H. bewohnt die rechte Hälfte.

Die Nachbarschaft hat gestern im Radio von dem grausamen Fund der Babyleichen in ihrer Straße erfahren. Jenny C., eine Anwohnerin, berichtet, dass sie am Sonntagnachmittag plötzlich Kripo-Beamte und einen Leichenwagen gesehen hätte: „Und dann schaut man nach, ob alle Familienmitglieder noch da sind. Da macht man sich schon seine Gedanken. Das waren ja Szenen wie im Krimi“, sagt sie. Jenny C. erinnert sich, dass sie die Tatverdächtige vor zwei Jahren mit einem Kinderwagen die Straße entlangspazieren gesehen habe. Auf die Frage, „was es denn geworden ist“, habe Sabine H. geantwortet: „Ein Mädchen. Es heißt Elisabeth.“ Doch nun kommen Jenny C. Zweifel: „Wer weiß, ob da wirklich ein Baby im Kinderwagen lag?“

Sabine H. soll geschieden und seit Jahren arbeitslos sein. Sie hat vier Kinder im Alter von 20, 19, 18 und eineinhalb Jahren. Die Nachbarn aus dem Wohnhaus, in dem sie in Frankfurt (Oder) lebt, berichten, hier sei sie vor einem halben Jahr eingezogen. Sie lebt dort mit ihrem neuen Lebensgefährten Bernd B. und ihrer eineinhalbjährigen Tochter.

Bernd B. erzählt, sie hätten sich vor über eineinhalb Jahren kennen gelernt: Beide wohnten damals in einer 100 Jahre alten „Fabrikantenvilla“, einem Mehrfamilienhaus in der Nähe. Die Miete von 350 Euro sei komplett vom Arbeitsamt gezahlt worden, weil Sabine H. ALG-II-Empfängerin sei. Bernd B. sagt, dass beide viel getrunken haben. Auch die Nachbarn sind sich einig: „Die beiden sind Alkoholiker.“ Das bestätigt auch Ingolf B.: Er kenne Sabine H. und habe mit ihr vor einiger Zeit „ein Verhältnis für eine Nacht gehabt“, behauptet der 39-Jährige. Als Sabines Lebensgefährte davon erfuhr, „haben sich die beiden geprügelt“, erzählt er. Nach der gemeinsamen Nacht hätte er Sabine H. noch einmal angesprochen und sie gefragt, was denn passiere, „wenn sie nun schwanger ist?“ Darauf habe sie erwidert: „Das Kind würde ich austragen. Aber für den finanziellen Unterhalt müsstest du aufkommen.“

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