Welt : Die Kunst des Überlebens

Rainer W. During

Wenn man die Trümmer des bei Zürich zerschellten Avrojets betrachtet, erscheint es wie ein Wunder, dass neun Passagiere die Katastrophe mit zum Teil nur leichten Blessuren überlebt haben. Sie dürften ihr Leben der Tatsache verdanken, dass die Maschine aus relativ geringer Höhe offenbar zunächst auf Baumwipfel stürzte und die Wucht des Aufpralls gemildert wurde. Wer beim eigentlichen Absturz nicht schwerer verletzt wurde, hatte so eine Chance, vor den explodierenden Treibstofftanks in den Tragflächen und dem sich ausbreitenden Feuer aus dem geborstenen Rumpf zu flüchten.

Zum Thema Online-Umfrage : Anschläge, Unglücke und Abstürze - Steigen Sie noch in ein Flugzeug? Bei einem Flugzeugabsturz aus großer Höhe gibt es keine Möglichkeit des Überlebens. Doch die meisten Unfälle im Luftverkehr ereignen sich in der Start- oder Landephase, also in Bodennähe. Und hier hat es sich in der Vergangenheit immer wieder gezeigt, dass bei einem Crash aus geringer Höhe durchaus Chancen bestehen, lebend davon zu kommen. So wurden im vergangenen Jahr 97 der 179 Passagiere eines Jumbo-Jets der Singapore Airlines gerettet, der im taiwanesischen Taipeh nach einer Verwechslung der Piste beim Start mit Baufahrzeugen kollidierte. Sieben der 52 Fluggäste überlebten den Absturz einer Boeing 737 der Alliance Air beim zweiten Landeversuch im indischen Patna. Und als kürzlich ein CN 235-Turboprop von Binter nach einem Motorschaden 400 Meter vor der Landebahn von Malaga zerschellte, kamen 43 der 47 Menschen an Bord davon.

Mancher Flugreisende verdankt sein Leben der Tatsache, das er seinen Kopf bei den Sicherheitshinweisen der Kabinenbesatzung vor dem Start nicht hinter der Zeitung versteckte und vielleicht auch einen Blick auf die Sicherheitskarte in der Sitztasche vor seinem Platz geworfen hatte. Denn wer nach dem ersten Flug meint, das alles schon zu kennen, kann einen fatalen Irrtum begehen. Jeder Flugzeugtyp ist anders gebaut und ausgestattet, selbst bei unterschiedlichen Baureihen einzelner Modelle gibt es Unterschiede.

Cornelia Eichhorn vom Luftfahrt-Bundesamt rät deshalb allen Flugreisenden, sich an Bord gedanklich jedesmal neu einen individuellen Fluchtplan zurechtzulegen.

Bei einer Notlandung sollten Passagiere die Stirn an die Rückseite des Vordersitzes pressen, die Arme um den Kopf legen und die Beine so weit wie möglich nach vorne ausstrecken, empfiehlt das Verkehrssicherheitsinstitut des TÜV Rheinland. So lassen sich unter Umständen Verletzungen vermeiden, die später eine Flucht erschweren oder gar unmöglich machen. Wer nach einem Unfall versucht, auch sein Handgepäck zu retten, bringt sich und andere Reisende in Gefahr. Denn die sperrigen Stücke können schnell den Weg zum Notausstieg blockieren.

Um auch im Qualm eines möglichen Brandes den Weg ins Freie zu finden, empfiehlt es sich, die Sitzreihen bis zum nächstgelegenen Notausgang zu zählen. Ferner sollte dann am Boden kriechend das Weite gesucht werden, weil die durch das Feuer entstehenden, giftigen Dämpfe zuerst nach oben steigen und die Gefahr einer Ohnmacht bei aufrechtem Gang in diesem Fall am größten ist. Deshalb müssen Passagierflugzeuge seit einiger Zeit auch mit Leuchtstreifen am Fußboden ausgestattet sein, die den Fluchtweg markieren.

Bis zu 20-minütigen Schutz bieten Anti-Rauch-Masken. Das von der Nürnberger Firma Helpi vertriebene Spitzenmodell kostet 180 Mark und ist verpackt nicht größer als eine Getränkedose.

Auf die Frage nach dem sichersten Platz im Flugzeug gibt es keine eindeutige Antwort. "Ich persönlich würde einen Gangplatz in der Nähe eines Notausganges wählen", sagt Dianne Worby, die in Großbritannien Piloten für Notfälle trainiert. An welchem Ende der Kabine ist ihr dabei egal.

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