Welt : Die Lage auf der Mir ist dramatisch

Vorerst keine Evakuierung / Entscheidung in zwei Wochen MOSKAU/WASHINGTON (dpa/rtr/AP).Einen Tag nach der Kollision der Weltraumstation Mir mit einem Frachtraumschiff war die Lage für die dreiköpfige Besatzung dramatisch.Trotz schwerwiegender Probleme bei der Energieversorgung solle die Mir vorerst aber nicht evakuiert werden, sagte der Leiter der russischen Weltraumagentur RKA, Juri Koptew, am Donnerstag.Das Leben der Raumfahrer sei nicht in Gefahr.Astronaut Bill Readdy von der US-Raumfahrtbehörde Nasa nannte die Lage in einem Interview des Fernsehsenders CNN "sehr ernst". Informationen der Nachrichtenagentur Itar-Tass zufolge müßten die Raumfahrer die Mir verlassen, falls sie die Stromversorgung nicht wiederherstellen können.Nach dem Zusammenstoß der Mir mit dem Transporter Progress M-34 am Mittwoch waren vier Sonnensegel ausgefallen, die 30 Prozent der Energieversorgung leisten.Die russischen Kosmonauten Wassili Ziblijew und Alexander Lasutkin sowie US-Astronaut Michael Foale müßten Strom sparen und bei schwacher Beleuchtung arbeiten. Wegen der mangelnden Energieversorgung kann den Angaben zufolge auch die Ausrichtung der Sonnensegel nicht in vollem Umfang korrigiert werden.Dies habe wiederum zur Folge, daß die bei der Kollision der "Mir" mit einem Versorgungstransporter nicht beschädigten Sonnensegel nicht in vollem Umfang Strom produzieren könnten. Die Besatzung sei angewiesen worden, sich weniger zu bewegen, um Sauerstoff zu sparen, berichtete das russische Fernsehen.Offenbar bedroht der Energiemangel auch die Sauerstoffversorgung.Die Männer sollen unter anderem auf ihre Gymnastik verzichten.Die Raumfahrer werden für die Reparaturarbeiten einen Weltraumspaziergang unternehmen, sagte Koptew.Mißlingen die Reparaturen, ist die Zukunft der Mir ungewiß. Das Flugleitzentrum wollte zunächst keine Angaben über das Ausmaß der Probleme und das weitere Schicksal der Station machen.Eine Expertenkommission prüfe mögliche Auswege aus der Lage, sagte eine Sprecherin.Zahlreiche Systeme der Mir seien abgeschaltet worden.Zu Plänen für eine eventuelle Evakuierung der Station sagte US-Astronaut Readdy: "Ich glaube nicht, daß es darüber (zwischen Russen und Amerikanern) Meinungsunterschiede geben wird." Rußland sei genauso um die Sicherheit der Besatzung besorgt wie die Amerikaner.Koptew betonte, daß der Fahrplan für internationale Projekte auf der Mir eingehalten werden solle.Im August wird ein ein französischer Astronaut auf der Mir erwartet. Das unbemannte Frachtraumschiff Progress M-34 hatte das Spektr-Modul der Mir bei einem Andockmanöver gerammt und ein Loch in die Außenhaut gerissen sowie ein Sonnensegel zerstört.Das Modul mußte abgeriegelt werden.Beim Schließen der Luke wurde auch das Kabel zu weiteren drei Solarzellen durchtrennt.Im Erdbeobachtungsmodul Spektr hatte Foale seinen Schlafplatz.Dort seien seine persönlichen Gegenstände sowie ein Teil der wissenschaftlichen Ausrüstung geblieben. Nach Ansicht von Experten ist es denkbar, ein Kabel an der Außenwand zu den drei Sonnensegeln zu legen.Das Kabel müßte aber erst mit einem Versorgungsschiff - Progress M-35 - zur Station gebracht werden.Der neue Progress-Transporter werde möglicherweise in zehn Tagen starten. Der Leiter der Euromir-Mission bei der Europäischen Raumfahrtagentur ESA, Dieter Andresen, hielt eine Fortsetzung der Forschungsarbeiten auf der Mir für unwahrscheinlich, wenn die Energieversorgung nicht voll wiederhergestellt werde.

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