Welt : Die lange Jagd nach den Mördern

1964 erschossen Rassisten im US-Staat Mississippi drei Menschen – jetzt wird der Prozess neu aufgerollt

Matthias B. Krause[New York]

Sie schlugen, exekutierten und vergruben sie fünf Meter tief, doch ihre Geschichte ist bis heute nicht gestorben. Es geschah im Sommer 1964, dem „Sommer der Freiheit“. Aktivisten der Bürgerrechtsbewegung aus dem ganzen Land strömten in den Süden Amerikas, um den Schwarzen in Mississippi oder auch Alabama dabei zu helfen, ihr Bürgerrecht wahrzunehmen und zu wählen. So wie James Chaney, Andrew Goodman und Michael Schwerner, die in der Nacht des 21. Juni 1964 in Philadelphia im Bundesstaat Mississippi spurlos verschwanden. Die Bundespolizei FBI brauchte 44 Tage, um ihre Leichen zu finden. Und 41 Jahre dauerte es, ehe sich einer der Täter wegen Mordes noch einmal vor Gericht verantworten muss. Am Montag begann in Philadelphia mit der Auswahl der Jury der Prozess gegen den Ku-Klux-Klan- Führer Edgar Ray Killen.

Killen, mittlerweile 80 Jahre alt, beteuert bis heute seine Unschuld. Doch nach den Ermittlungen des FBI und laut dem Geständnis eines der Täter war er der Kopf für die Morde. Nach erschöpfenden Ermittlungen der Bundespolizei, die der 1988 gedrehte Film „Mississippi Burning“ nachzeichnete, spielte sich Folgendes ab: Die drei Jugendlichen (Goodman und Schwerner waren Weiße aus New York, Chaney ein Schwarzer aus einer Nachbarstadt) wollten sich eine vom Ku-Klux-Klan niedergebrannte Kirche ansehen, als sie von der lokalen Polizei wegen angeblich zu schnellen Fahrens gestoppt wurden. Der Sheriff brachte sie ins Gefängnis. Diese Zeit nutzte der Ku-Klux-Klan, gesteuert von Killen, um seinen Mordplan zu schmieden.

Als die drei Bürgerrechtler nach wenigen Stunden wieder auf freien Fuß gesetzt wurden, folgte ihnen eine Horde weißer Rassisten. Sie stoppten den Wagen, schlugen die Insassen und erschossen sie aus nächster Distanz. Ihre Leichen vergruben sie unter einem Staudamm, ihren Wagen versenkten sie in den Sümpfen. Die lokalen Behörden weigerten sich, die Täter wegen Mordes anzuklagen. Das Bundesrecht ließ damals nur eine Verurteilung wegen Verletzung der Bürgerrechte zu. 18 Verdächtige wurden angeklagt, sieben verurteilt. Sie waren nach spätestens sechs Jahren wieder frei. Killen kam aus seinem Prozess 1967 unbeschadet heraus, obwohl elf Geschworene an seine Schuld glaubten. Doch eine Frau in der nur mit Weißen besetzten Jury stimmte gegen seine Verurteilung. Ihre Begründung: Sie könne niemals einen Prediger verurteilen. Killen, ein Sägemühlenbesitzer, predigte in seiner Freizeit.

Der Prozess, der auf zwei Wochen angesetzt ist, gehört zu einer ganzen Reihe ähnlicher Fälle, die viele Jahre nach den Taten noch einmal aufgerollt werden. Viele brutale Morde, begangen von radikalen Weißen, die die Rassentrennung im Süden der USA mit allen Mitteln aufrechterhalten wollten, kamen nie vor Gericht. Das Netz zwischen den Tätern und jenen, die ihre Taten zumindest im Stillen guthießen, war zu dicht. Dass sich das nun ändere, hänge mit dem gestiegenen Einfluss der Schwarzen zusammen, sagte Susan M. Glisson, Leiterin des Institutes for Racial Reconciliation an der Universität Mississippi, der „New York Times“: „Es zeigt, dass der Süden erwachsen wird.“

Allerdings nur sehr langsam. Weil sich zum 25. Jahrestag der Morde der damalige Innenminister Mississippis, Dick Molpus, als erster Vertreter des Bundesstaates bei den Familien der Opfer öffentlich entschuldigte, war damit seine politische Karriere praktisch beendet. Als er sich 1995 um den Posten des Gouverneurs bewarb, erntete sein Kontrahent, der damalige Gouverneur Kirk Fordice, großen Beifall und Wählerstimmen, als er sagte: „Ich denke nicht, dass wir den Bundesstaat unter dem Eindruck von ‚Mississippi Burning’ führen sollten – und uns entschuldigen für Dinge, die vor 30 Jahren geschahen.“

Im Nachbarstaat Alabama scheiterte bei der Präsidentenwahl im vergangenen November der Versuch, die Landesverfassung zu ändern. Es ging um die Streichung eines Paragrafen, der bis heute die Gleichstellung von Weißen und Schwarzen bei ihrem Recht auf Bildung behindert.

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