Welt : Die Last mit den Lüsternen

Immer häufiger sind Frauen in Ägypten sexuellen Übergriffen ausgesetzt – und die Ordnungskräfte schauen weg

Andrea Nüsse[Kairo]

„Wir wollen Polizeischutz" und „Macht unsere Straßen sicherer" steht auf den Banderolen, welche die jungen Frauen hochhalten. Heute können sie sich nicht über mangelnde Aufmerksamkeit der Sicherheitskräfte beschweren. Die etwa 70 Demonstranten vor dem Gebäude der Journalistengewerkschaft in Kairo sind von weitaus mehr Soldaten umrundet, in den Seitenstraßen stehen Dutzende von Mannschaftswagen mit Hunderten weiterer Ordnungskräfte. Doch am Abend des Festes zum Ramadan-Ende hatten Polizisten nur wenige Meter von hier tatenlos zugesehen, wie Horden junger Männer Passantinnen die Schleier und Kleider vom Leib rissen.

Ägyptische Blogger berichteten als Erste über die brutalen Übergriffe, die in dem muslimischen Land bisher einmalig sind. In den offiziellen Medien wurden sie totgeschwiegen. Der Privatsender „Dream“ machte das Thema schließlich publik. Nach Augenzeugenberichten warteten Gruppen junger Männer vergeblich auf Einlass in das Kino „Metro“, das wegen Überfüllung geschlossen war. Daraufhin zerschlugen sie das Kassenhäuschen und wendeten sich anschließend Frauen zu. Sie rissen Frauen die Kopftücher herunter, einem Mädchen soll die Bluse zerfetzt worden sein. Zehn- bis zwölfjährige Jungen sollen Frauen unter die bodenlangen Röcke gekrochen sein. Ladenbesitzer nahmen bedrohte Frauen auf und ließen die Rollläden herunter. Am folgenden Tag soll es erneut zu ähnlich brutalen Übergriffen gekommen sein. Die Ordnungskräfte seien nicht eingeschritten. Das Innenministerium teilte mit, über die Vorfälle sei nichts bekannt.

Trotz des offiziellen Schweigens hat eine stürmische Diskussion über die Sicherheit von Frauen auf Kairos Straßen und die Untätigkeit des Staates begonnen. Dabei wurde deutlich, dass sexuelle Belästigung von Frauen in dem Land, das in den letzten Jahren eine starke Islamisierung durchgemacht hat, längst zum Alltag gehört. In Webloggs und Zeitungsartikeln berichten Frauen, wie sie auf der Straße angemacht werden.

„Mädchen und Frauen zwischen zwölf und 60 Jahren sind in Ägypten sexuellen Belästigungen auf der Straße ausgesetzt“, bilanziert die Chefredakteurin der Tageszeitung „Daily Star“, Mirette Mabrouk. Sie verweist darauf, dass aus diesem Grunde die ersten beiden Waggons der U-Bahnen für Frauen reserviert sind. Bei der Suche nach den Gründen übt Mabrouk Kritik an der religiösen „Scheinheiligkeit“. Theoretisch ständen der Familie und der Frau im Islam zwar besonderer Respekt zu. Daraus würde aber fälschlich abgeleitet, dass „anständige“ Frauen nicht belästigt würden. Die Frauen seien „selbst schuld“ und Männer hätten keine Bestrafung zu fürchten.

Der bekannte Blogger Wael Abbas macht eine Mischung aus Armut, mangelnden Perspektiven, strikter Geschlechtertrennung und später Heirat verantwortlich. Nach seiner Meinung ist die Religiosität auf den „äußeren Schein“ beschränkt, doch die Werte der Religion würden nicht verinnerlicht. Um Vorwürfen jeden Wind aus den Segeln zu nehmen, hat sich der Abgeordnete der Islamisten-Gruppe, Mohammed Abdul Qudus, an die Spitze der Demonstration vor der Journalistengewerkschaft gestellt.

Doch über die moralische Bestürzung hinaus haben die Zwischenfälle eine politische Wendung genommen. In der Kritik steht die Untätigkeit der Sicherheitskräfte. „Sie sind eine politische Kraft im Dienst des Regimes und nicht der Bürger“, sagt die politische Aktivistin Aida Seif al Dawla. Der Schriftsteller Nabil Sharaf fürchtet, dass die Zwischenfälle von Eid al Fitr nur die Vorboten größerer sozialer Unruhen sind.

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