Welt : Die Maulwürfe der Piazza Miraglia

In Neapel hat sich ein riesiger Schlund aufgetan. Mit Naturgewalt lässt er sich nicht ganz erklären.

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Zuerst beschwerten sich die Autofahrer. Das Pflaster an der Piazza Miraglia habe sich gesenkt, beständig bleibe man hängen. Dann bemerkte ein Polizist, dass eine Straßenlampe viel tiefer hing, als die Verkehrssicherheit es zuließ. Doch just, als der Mann sich deshalb mit den Stadtwerken anlegte, versank der komplette Laternenmast im Boden, und um ihn herum krachte alles in die Tiefe.

Jetzt gähnt ein Schlund im Herzen von Neapel, zehn Meter tief, zweihundert Quadratmeter weit. Die Piazza Miraglia gibt es praktisch nicht mehr. Das ist schlecht, denn damit fällt ein Verkehrsknotenpunkt aus, weniger für Autos in diesen engen Altstadtgassen als vielmehr für die Besuchermassen, die auf eigenen Füßen derzeit zum großen, traditionellen Weihnachtskrippenmarkt strömen .

Eigentlich sind die Neapolitaner an Löcher gewöhnt. Seit mindestens dreitausend Jahren durchwühlen sie den vulkanischen Tuffstein im Untergrund, um Baumaterial zu gewinnen, um die Stadt mit Wasser zu versorgen, um Fluchttunnels oder Keller zu schaffen. Neapels Unterwelt ist eine Stadt für sich. Das Netz der Gänge zieht sich bis in vierzig Meter Tiefe hinab, und immer wieder sacken moderne Straßen oder Häuser ihnen nach.

Einen so mächtigen Abgrund aber wie den in der Piazza Miraglia sehen selbst die Neapolitaner nicht alle Tage. Nur: wie ist es dazu gekommen? Sicherlich, sagen sie, das Wasser. Die Herbstregen waren diesen November stärker als üblich. Und weil das Kanalnetz löchrig, brüchig oder gar nicht vorhanden ist, bahnen sich die Fluten ihren Weg im Untergrund auf eigene Faust. Unter so manchem Pflaster, das zeigt sich jeden Herbst, ist längst kein Erdreich mehr.

Neun Meter unter der Piazza Miraglia aber ist den Ermittlern noch etwas ganz anderes aufgefallen. Da verläuft nämlich ein Tunnel, der nicht aus der Zeit irgendwelcher alter Griechen oder Spanier, sondern aus dem frühen 21. Jahrhundert nach Christus stammt. In dem Tunnel stehen auch noch Kompressoren. Und Pressluftbohrer.

Der Tunnel verläuft in zwei Richtungen: nach links geht’s zum Keller eines Postamts, nach rechts zu einer gotischen Kirche. Links steht einer der größten Postbank-Tresore Neapels, rechts eine reiche, in Jahrhunderten gewachsene Sammlung sakraler Kunst.

Seit ihnen das klar geworden ist, schwant den Ermittlern, dass sie es nicht nur mit Naturgewalten zu tun haben. Jetzt jagen sie eine „banda del buco“, eine Gruppe also von Panzerknackern, die sich durch den Untergrund zu ihren Zielen wühlen. Das ist zwar eine etwas rohe, aber bewährte und in Italien immer noch gebräuchliche Art, an Geld zu kommen.

Vielleicht können ja die Banditen, so sie eines Tages gefasst sind, den Zusammenhang ihrer Tätigkeit mit dem Abgrund in der Piazza Miraglia aufklären. Sicher ist derzeit nur, dass sie die Örtlichkeit fluchtartig verlassen haben. Warum, dazu gibt es zwei Theorien: Entweder war ihr Tunnel in einem vom Wasser bereits ausgehöhlten Untergrund das letzte Loch, das zum großen Zusammenbruch noch gefehlt hatte. Oder die Panzerknacker haben Leitungen angebohrt. Es gibt Leute, die sich das durchaus wünschen: Statt der Wand zum Tresor durchstoßen die Pressluftbohrer die Kanalisation, und auf die Gangster strömen zähbraun herab: Neapels gesammelte Toilettenabwässer.

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