Welt : Die meisten Chinesen halten Aids für eine seltsame Krankheit von Ausländern

Harald Maass

Staatliche Hilfe für Infizierte gibt es nicht. Song Pengfei ist HIV-positiv. Wo der 17-Jährige auftaucht, flüchten die Menschen in Panik.Harald Maass

Song Pengfei ist alleine, als wir ihn das erste Mal treffen. Es ist ein kühler Morgen im Sommer, einer der Tage, an denen die Pekinger gerne in den Parks spazieren gehen. Pengfei sitzt in seinem Zimmer, stumm vor dem Fernseher; den Ton hat er leise gestellt. Wortkarg beantwortet der schmächtige Junge einige Fragen, sein Blick klebt auf der Mattscheibe. Bei den nächsten Besuchen ein paar Wochen später ändert sich das. Manchmal macht es ihm Spaß, sich zu unterhalten. Manchmal zeigt er etwas auf seinem Computer. Was sich nie ändert: Pengfei ist immer alleine. Denn er hat Aids.

Es ist der Vater, Song Xishan, der uns diese Geschichte erzählt. Damit er nichts vergisst, hat er in kleinen, schwarzen Schriftzeichen alles auf Papier geschrieben: Es ist das Protokoll einer Tragödie. Eine Verkettung von Unglück, Geldgier und Unwissenheit. Es ist eine Geschichte, wie sie immer wieder in China vorkommt. Einem Land, in dem Aids für viele eine "Ausländerkrankheit" ist. Einer Gesellschaft, in der die Träger des Krankheitserregers als Ausgestoßene behandelt werden.

Im Februar vergangenen Jahres "ist es passiert", beginnt Vater Song zu erzählen. Pengfei war sechzehn. Familie Song bereitet sich in ihrem Dorf Chaokou auf das Frühlingsfest vor, als Pengfei sich versehentlich in eine Schere auf der Couch setzt. Nicht schlimm, die Wunde am Oberschenkel ist klein. Der arbeitslose Vater Song holt etwas Geld von der Bank und fährt mit seinem Sohn auf einem Lastwagen in die Kreisstadt Linfen, ins Krankenhaus Nummer Zwei.

Die Wunde sei entzündet, erklärt der Arzt im Spital, eine kleine Operation sei notwendig. "Sie müssen Blut kaufen, am besten ganz frisches Blut", rät er dem Vater und gibt ihm die Adresse von Herrn Li, einem "Xuetou" - "Bluthändler". Herr Li verspricht zu helfen: Für 300 Yuan werde er einen Spender besorgen. Am Nachmittag taucht Li mit einem 18-jährigen Jugendlichen im Krankenhaus auf. Alles scheint Routine. Mit einer Nadel zapft eine Schwester dem jungen Mann 300 Milliliter Blut in eine Flasche ab. Vater Song ist besorgt: "Bist du gesund?", fragt er den Spender, der ihm blass und mager erscheint. "Ja, das habe ich schon hundertmal gemacht", antwortet der.

Was am nächsten Tag bei der Operation genau schief ging, ist bis heute unklar. "Von oben bis unten mit Blut bespritzt" sei der Doktor aus dem OP-Raum gestürzt, berichtet Vater Song. Pengfei ist bewusstlos, zittert am ganzen Körper. Der Arzt verlangt nach mehr Blut. Herr Li und sein Spender eilen heran. Diesmal kostet die Blutspende 1050 Yuan. Dann überschlagen sich die Ereignisse: Das Deckenlicht fällt aus. Die Ärzte beenden die Operation im Schein einer Taschenlampe. Pengfei überlebt, gerade so.

In der Not entscheiden die Eltern, Pengfei, der kaum noch bei Bewusstsein ist, mit dem Zug nach Peking zu bringen. Die Fahrt dauert eine Nacht voller Ungewissheit. Aber im Krankenhaus Nummer 304 wird Pengfei geholfen. Die Ärzte in der Provinz hatten bei der Operation eine wichtige Arterie durchtrennt, in Peking wird das Bein neu operiert. Alles scheint sich zum Guten zu wenden. Doch dann wird Vater Song dringend zum Oberarzt gebeten. "Dein Sohn muss das Spital verlassen. Er hat noch eine andere Krankheit", sagt der Mediziner knapp. Vater Song ist überrascht. "Aber wenn er krank ist, kann er doch hier behandelt werden", antwortet er. Der Arzt druckst herum, dann nimmt er den Vater zur Seite: "Ich sage dir die Wahrheit. Dein Sohn hat Aids. Er muss hier weg."

Die Nachricht sprengt sich in Vater Songs Gehirn. Aids! Nur vage weiß er, was das bedeutet. In der Zeitung hatte er von "Ai-Zi" gelesen. "Das ist doch eine Krankheit von Schwulen und Ausländern", brüllt er den Ärzten ins Gesicht. Wie in aller Welt soll Pengfei, mein kleiner Sohn, diese Krankheit bekommen haben? Benommen verlässt er das Krankenhaus. Als es die Mutter erfährt, bekommt sie einen Schreikrampf, versucht, sich von einer Brücke zu stürzen. "Wir hatten nur noch einen Gedanken: Pengfei wird sterben", erzählt Vater Song.

Der Alptraum hat begonnen. Das Pekinger Ditan Krankenhaus bestätigt die Infektion und alarmiert das Gesundheitsamt. Mit Mundschutz und Plastikhandschuhen versehen, besuchen Beamte die Familie, nehmen die Personalien auf. Als sie sich eilig verabschieden, lassen sie Mundschutz und Handschuhe auf einem Haufen vor der Tür liegen. Pengfei muss das Krankenhaus in Peking nach einem Monat verlassen. Er dürfe nur weiter zur Behandlung bleiben, erklären die Ärzte ihm, wenn er die Kosten trage. 50 000 Dollar für drei Jahre.

Erschöpft reist die Familie zurück in die Provinz. Dort rufen die Nachbarn: "Ist dein Sohn zum Sterben zurückgekommen?" Wo Pengfei auftaucht, flüchten die Menschen in Panik. Freunde und Verwandten schneiden ihn. Tote Ratten, Fäkalien und zerbrochenes Glas fliegen in den Hof der Familie. Eines Nachts werden die Fenster eingeschlagen. Schließlich verlangen die Nachbarn, dass die Songs verschwinden. "Was ist, wenn eine Mücke deinen Sohn sticht und dann uns?", rufen sie. Die Schule schickt Pengfei einen Brief: Solange er krank sei, dürfe er "leider nicht am Unterricht teilnehmen".

Für die Behörden steht bald fest, dass sich Pengfei bei der Blutübertragung im Krankenhaus in Linfen angesteckt hat. Der Spender war drogensüchtig und HIV-positiv. Mindestens elfmal habe er über Li sein Blut verkauft, heißt es im Polizeibericht. Auf den HI-Virus wurde er nie getestet. Familie Song verlangt Entschädigung. "Das Krankenhaus ist schuld. Die haben meinen Sohn angesteckt", sagt Vater Song und fordert, dass die Klinik die weitere Behandlung bezahlt.

Vergeblich. Das Krankenhaus gibt zwar zu, dass sich Pengfei bei der Bluttransfusion angesteckt hat. Die Verantwortung schieben sich die Beteiligten gegenseitig zu. Monatelang schreibt Vater Song Briefe - an das Krankenhaus, die Gesundheitsbehörde, das Ministerium in Peking. Immer wieder wird er hingehalten, abgewimmelt, am Schluss auch bedroht. Erst als Anfang des Jahres eine chinesische Zeitung über den Fall berichtet, wandert Bluthändler Li ins Gefängnis, und das Krankenhaus zahlt widerwillig 100 000 Yuan, viel zu wenig für die Behandlung.

Der Fall sei "erledigt", heißt es seitdem bei der Regierung der Provinz Shanxi. Alle Beteiligten lehnen die Bitte um ein Gespräch ab. Sie hätten doch schon alles gesagt: "Der Arzt ist schuld. Ich wusste nichts von der Aidskrankheit", rechtfertigt sich Bluthändler Li, als ihn Reporter der Zeitung "Nanfang Zhoumo" im Gefängnis besuchen. Der damals behandelnde Arzt Wang Zhaohu sagt: "Im Krankenhaus gab es keine Regeln für die Transfusion. Die Blutübertragung war ganz normal. Der Direktor hat Schuld." Direktor Cao Cheng wurde im März in Pension geschickt. Er sagt: "Ich bin nicht mehr Direktor, deshalb trage ich keine Verantwortung. Ich dachte außerdem, dass es Aids nur in den Küstengebieten gibt."

Seit einem Jahr leben die Songs in einer kleinen Wohnung im Süden Pekings, in der Nähe der Klinik. Noch gibt es keine Anzeichen, dass die Krankheit ausbrechen könnte. Aber wie lange noch? Mit dem Geld vom Krankenhaus in Linfen haben sie Medikamente aus den USA gekauft. Jetzt ist das Geld aufgebraucht, und die Medizin reicht noch bis Ende September. Seit Juni bezahlt das Linfen Krankenhaus nicht mehr die Miete für die Wohnung. "Am Wochenende hat der Vermieter gedroht, uns rauszuschmeißen", sagt Vater Song.

Pengfei sitzt vor seinem Computer. Auf seiner Oberlippe ist ein dunkler Flaum gewachsen. Manchmal, erzählt er, "möchte ich am liebsten von dieser Welt verschwinden." Dann halte er es nicht mehr aus. "Jeden Tag warte ich, dass etwas geschieht. Aber es passiert nie etwas." Zur Schule darf er nicht. Freunde hat er keine mehr. "Sie haben Angst vor mir", sagt er, und das sei schlimmer als die Krankheit selbst. "Man behandelt mich, als ob ich schon tot wäre."
© 1999

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