Welt : Die meisten Reisenden haben Verständnis für Verspätungen

FRANKFURT (MAIN)/HANNOVER ."Zug fällt aus", "Zug fällt aus", "Zug fällt aus" verkünden die großen Anzeigetafeln am Freitag im Frankfurter Hauptbahnhof.Im Knotenpunkt des deutschen Eisenbahnverkehrs sind die Folgen des Zugunglücks von Eschede deutlich spürbar: Nachdem die Deutsche Bahn AG die 60 Intercityzüge der ersten Generation aus dem Fahrplan genommen hat, ist einiges durcheinander geraten.Reisende stehen ratlos am Gleis, Bahn-Angestellte bemühen sich, das Chaos in den Griff zu bekommen: "Wann geht der nächste Zug nach Hannover?" - "Wie komme ich nach Stuttgart?"

Wie in Frankfurt sieht es auch in anderen deutschen Hauptbahnhöfen aus.In Hannover läßt Servicemitarbeiter Uwe Gebel keine Hektik aufkommen.Pausenlos bestürmt von verunsicherten Reisenden auf Gleis 3, beantwortet er geduldig stundenlang die immer gleichen Fragen: "Ja, der Zug kommt noch.Ja, auf diesem Gleis.Ja, hier ist es richtig nach Kassel.Alle Züge von Hamburg haben etwa 30 Minuten Verspätung.Richtung München müßte aber gleich reinkommen, ich frage mal nach." Aufgeregt-ängstliche ältere Damen beschwichtigt er: "In der Ruhe liegt die Kraft.Ich stehe acht Stunden hier.Alle haben jetzt die Probleme wie wir hier."

An diesem Hauptreisetag schieben an allen Gleisen jeweils drei bis vier Servicebeamte Dienst.Gut erkennbar an ihren Uniformen werden sie umlagert, während der Informationsschalter in der Halle nur wenig beachtet wird.Wenn die Lautsprecherdurchsagen Verspätungen, Verlegungen oder den Ausfall von Zügen verkünden, wird es auf den überfüllten Bahnsteigen mäuschenstill.Sekunden danach aber prasseln auf die Bahnmitarbeiter die eben durch die Durchsagen beantworteten Fragen ein: "Wir wollen nach Northeim, bitte.Ist das richtig hier?" - "Sie werden sicher schon verrückt, aber ist der Zug nach Basel schon durch?" - "Nach Mannheim, kann ich da auch in den nächsten Zug einsteigen?" - "Der Zug ist ausgefallen, was mache ich jetzt?"

In Frankfurt bleibt das ältere Ehepaar aus Süddeutschland auf Gleis 8 gelassen."Hoffen wir, daß es später klappt", meint der Mann, nachdem ein ICE ausgefallen ist."Wegen des Unfalls kann ja alles passieren." Direkt neben ihm hat sich ein Bahn-Angestellter in Nadelstreifen an einer provisorischen Kaffeebar postiert.Normalerweise arbeitet er im Büro, jetzt schenkt er heißen Kaffee an erschöpfte Reisende und abgehetzte Kollegen aus.

Bahn-Sprecher Nikolaus Jöckel hetzt von Fernsehteam zu Fernsehteam und von Reporter zu Reporter.Alle wollen Auskünfte, haben Fragen.Die Mitarbeiter zu interviewen ist verboten."Die sind überlastet und haben keine Zeit", heißt es knapp.Mindestens 50 zusätzliche Mitarbeiter sind am Frankfurter Hauptbahnhof im Einsatz."Wir haben die Büros ausgekehrt und jeden, der abkömmlich war, hergeschickt", sagt Jöckel und wischt sich den Schweiß von der Stirn.Viele junge Auszubildende wurden mit Notfahrplänen bewaffnet, haben rote Mützen aufgesetzt und sprechen hilfsbereit jeden Reisenden an, der verloren im Bahnhof herumirrt.

"Die Reaktionen der Fahrgäste sind positiv", berichtet Jöckel."Niemand schimpft, es gibt keine Vorwürfe." Jeder weiß, was geschehen ist.Auf der großen Leinwand in der Mitte der Halle laufen sonst Werbefilme der Bahn und Nachrichten.Seit Mittwoch ist die Leinwand schwarz."Wir trauern um die Toten von Eschede", ist zu lesen.Blumen liegen unter der Tafel.Viele Bahnbeamte tragen Trauerbänder.

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