Welt : Die Menschen rangen nach Luft

Fernfahrer berichten nach ihrer Rettung über ihre Angst im brennenden Zug CALAIS (dpa).Die Fernfahrer, die in einem Großraumwagen von dem Feuer im Eurotunnel überrascht wurden, standen Todesängste aus."Ich lag in der Ecke und wartete auf den Tod", sagte der 53jährige Ian Edwards."Wir hielten uns 15 Minuten lang feuchte Servietten vor die Nase", berichtete Jeff Waghorn."Fünf Minuten länger, und es hätte eine wahre Katastrophe gegeben", fügte der 32 Jahre alte Fernfahrer aus Südengland hinzu."Wir atmeten giftigen Rauch ein und hatten weiter nichts als ein Tuch zur Hand." Die Lastwagenfahrer beklagten fehlende Sprinkleranlagen und Sauerstoffausrüstungen an Bord des LKW-Transportzuges. Die Fernfahrer kamen überwiegend aus Großbritannien, den Niederlanden und Italien.Als sie in dem Großraumwagen saßen, dachten sie sich nach Angaben von Waghorn nichts dabei, als der Zug anhielt.Und auch das folgende Alarmsignal sei schon mal ertönt, wenn eine Zugtür nicht richtig geschlossen war."Aber dann fiel der Kabinendruck ab, und der Alarm wurde ohrenbetäubend laut", berichtete Waghorn."Wir konnten nicht heraus, denn außerhalb des Abteils war der Rauch noch schlimmer als drinnen." Das Personal hat sich nach Ansicht der Fahrer hervorragend verhalten.Es sei keine Panik ausgebrochen.Dennoch, sagte Edwards: "Es war bereits wie im Grab.Ich dachte, nun ist alles vorbei." Brian Shilton berichtete, die Menschen hätten am Boden gelegen, nach Luft gerungen, gewürgt und sich übergeben.Das Personal habe die ganze Zeit die Nerven behalten."Ihr Hauptziel war, die Leute daran zu hindern, die Fensterscheiben einzuschlagen.Das wäre fatal gewesen." Am meisten habe ihm der Zugführer leid getan, der pausenlos Anweisungen über die Sprechanlage gab."Er hat mehr Gift eingeatmet als wir alle, denn er redete pausenlos", berichtete Shilton. Nach 15 Minuten kamen die Rettungstrupps."Es klopfte an der Tür, und sie riefen uns zu: Allez, allez (raus, raus)." Alle hätten das Abteil durch eine Notluke verlassen, um in die Rettungsröhre in der Mitte zwischen den beiden Fahrröhren des Tunnels zu gelangen. Acht Menschen mußten mit Rauchvergiftungen ins Krankenhaus gebracht werden. Lokführer Emile Grard (43) sowie Sonia Matczak (25), die schwangere Begleiterin eines Fernfahrers, mußten mit schweren Rauchvergiftungen ins Krankenhaus nach Lille geflogen werden.Sie sind außer Lebensgefahr.Sechs weitere Personen wurden mit leichten Verletzungen ins Krankenhaus von Calais gebracht, die 26 übrigen Passagiere kamen zur Beobachtung in eine Klinik in Boulogne- sur-Mer.Nach wenigen Stunden konnten die meisten das Krankenhaus verlassen. Die 50 Kilometer lange Röhre zwischen Calais in Frankreich und Folkestone in Südengland wurde für den Verkehr gesperrt. Am Montag abend um 21.45 Uhr hatten Bordinstrumente und das englische Tunnel-Kontrollzentrum den Brand eines Lkw bemerkt und Alarm geschlagen.Der mit 29 Lastwagen beladene Zug wurde sofort gestoppt.Während 31 Fernfahrer und Beifahrer auf dem Boden des Begleitwaggons nach Luft rangen, rückten durch einen speziellen Rettungstunnel von der 15 Kilometer entfernten französischen Küste und vom britischen Festland die Feuerwehren an."Es war da unten sehr dunkel und sehr heiß", berichtete Feuerwehrmann Bill Welsh."Die Hitze war so stark, daß alle Lichter ausgegangen waren." Auf einer Länge von 150 Metern soll sich der Brand ausgedehnt haben. Nach einer guten Viertelstunde konnten die Lkw-Besatzungen befreit werden.Die Feuerwehren, die das Feuer gegen 6 Uhr unter Kontrolle brachten, gingen noch gegen Brandnester in der hinteren der zwei Lokomotiven des 750 Meter langen Zuges an.Die erste Bilanz: vier der 29 Lastwagen sind verbrannt. Augenzeugen berichteten, schon vor der Einfahrt in den Tunnel habe es gequalmt.Ein Sprecher der Betreibergesellschaft Eurotunnel vermutete, daß der Brand in dem Lkw möglicherweise schon vor dem Verladen im Terminal von Calais ausgebrochen sei.Auf den "Le Shuttle"-Zügen stehen die Lastzüge auf Tiefladern, die mit einem Stahlkäfig überspannt sind, während die Fahrer und Beifahrer in einem Begleitwaggon mit Bar mitreisen.Ein Sprecher von Eurotunnel räumte ein, daß die Sicherheitsvorkehrungen auf den Lkw-Transportern nicht so hoch seien wie auf den Zügen für Pkw: "Die Pkw-Züge sind rollende Feuerlöscher." Sowohl für die Auto- als auch die Personenzüge wurde der Kanaltunnel gesperrt.Die Passagiere wurden auf Flugzeuge umgebucht, später mit Fähren über den Ärmelkanal gebracht.Für die Reparaturarbeiten werden zwei bis drei Wochen veranschlagt.Nach einer ersten Bilanz sind die Oberleitung und weitere Stromkabel beschädigt worden.Bis zur vollständigen Reparatur soll der Verkehr zunächst durch eine der zwei Hauptröhren wieder aufgenommen werden - mit Vorrang für die "Eurostar"-Personenzüge.

0 Kommentare

Neuester Kommentar