Welt : Die Milch macht’s

Amazon vertreibt in den USA jetzt auch frische Lebensmittel – die Kunden reagieren mit fantasievollen Kundenrezensionen

Benjamin Fischer

Seattle - Ein vier Liter fassender Bottich Kuhmilch für knapp vier Dollar elektrisiert zurzeit die Internetgemeinde in den USA: Die Kundenrezensionen für die „Tuscan Whole Milk“ werden immer mehr – 715 Einträge gibt es zu dem Produkt bisher.

Seit der Online-Versand Amazon auch frische Lebensmittel vertreibt, ist es zum kreativen Sport geworden, möglichst fantasievolle Statements zu veröffentlichen – die sich nicht nur an schnöden Verbraucherinteressen orientieren. So monierte ein Amazon-Kunde aus Albuquerque unter dem Pseudonym „VR“, die Milch sei zum Abdichten eines Loches in seinem Dach völlig ungeeignet. Mit einer Riesensauerei hätte er nun zu kämpfen, weil die Milch jetzt kleckerweise durchs Dach tropfe und einen unangenehmen Geruch verbreite. Trotz dieser unorthodoxen Verwendungsweise steht sein Votum derzeit ganz oben auf der Liste: „264 Kunden fanden diese Rezension hilfreich“ – warum auch immer.

Sachliche Kommentare, die anderen Kunden bei der Einschätzung des Produktes helfen, haben Seltenheitswert. Nur Emre Yucel Amoeba will wirklich weiterhelfen und listet penibel alle Inhaltsstoffe des Getränks auf – immerhin 63 insgesamt. Der Gefrierpunkt liege bei -0,52 Grad Celsius, der pH-Wert betrage 6,6. Für die Fakten kann sich jedoch kein Milchtrinker richtig erwärmen. Bloß vier interessierte Kunden wissen Amoebas Akribie zu schätzen. Die wenigen sachlichen Kommentare wie: „Sie schmeckt einfach gut“, interessieren indes gleich gar niemanden. Ein Milchpoet will sogar den Da-Vinci-Code auf dem Etikett erkannt haben, statt im gleichnamigen Roman von Dan Brown.

Einen ähnlichen Hype wird es in Deutschland wohl nicht geben: Bereits 2003 hatte der Otto-Supermarkt-Service seine Lebensmittelvermarktung im Internet nach nur drei Jahren wieder eingestellt. Nahrungsmittel aus dem Cyberspace machen hierzulande noch nicht einmal 0,1 Prozent aus. In den USA werden von Amazon selbst empfindliche Früchte wie Tomaten, Weintrauben und Bananen verschickt. Auf die Frage, ob dies demnächst auch in Deutschland denkbar sei, wich eine Amazon-Sprecherin auf Anfrage aus: „Wir reden erst über unsere Produkte, wenn diese auch online erhältlich sind“, hieß es kurz und knapp aus der Konzernzentrale in München.

Bisher vertreibt der Internetversand hier nur unempfindliche und lang haltbare Sportlernahrung. In den USA hingegen interessiert sich kaum jemand für die zumindest fettärmere Variante der „Tuscan Whole Milk“. Lediglich 36 User rezensierten diese Milch, die nur zwei Prozent Fett hat.

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