Welt : Die Millionärin, die Klos schrubbte

Martha Stewart, das große Vorbild der amerikanischen Hausfrau, ist aus dem Gefängnis entlassen worden

Heike Wipperfürth[New York]

Die Kameras surrten, als die Insassin 55170-054 am Freitag kurz nach Mitternacht aus dem Frauengefängnis Alderson in West Virginia entlassen wurde. Begleitet von drei Großraumlimousinen wurde sie zum Flughafen chauffiert, wo ein Privatflugzeug auf sie wartete, um sie so schnell wie möglich auf ihr Gut im Bundesstaat New York zu bringen. Nach fünf Monaten im Knast ist Amerikas berühmteste Hausfrau wieder frei. Leibwächter beschützten ihr Gut, während sie einen langen Spaziergang mit ihrer Tochter Alexis machte. Schon am Montagmorgen will Martha Stewart wieder am Schreibtisch sitzen, um ihr furioses Comeback zu planen.

Typisch Martha. Nach ihrer Verurteilung prophezeiten Rivalen das Ende ihrer einzigartigen Karriere und den Untergang des milliardenschweren Unternehmens, das ihren Namen trägt. Es bietet von Küchengeschirr über Kleidung und Kochrezepte alles rund um die Hausfrau, beworben vor allem durch Zeitschriften und Fernsehshows. Die Tochter armer polnischer Einwanderer ist eine Kämpfernatur, die niemals aufgibt. Auf ihr Comeback bereitete sie sich mit der gleichen Hingabe vor, mit der sie Bastelanleitungen ausprobiert. Aus einer miesen Situation etwas zu machen – das schaffte sie schon vor 30 Jahren, als sie aus New York auf das Land nach Connecticut zog, um im Keller ihrer Farm ein Catering-Geschäft zu eröffnen. Als ihre Firma vor sechs Jahren an die Börse ging, wurde sie zur Milliardärin.

In den letzten Wochen fieberte ganz Amerika der Entlassung der Hohepriesterin des amerikanischen Geschmacks entgegen. Blätter wie die „New York Times“, „Newsweek“, die „Washington Post“ und das „Wall Street Journal“ berichten unentwegt über die gefallene Ikone. Sie alle gehen davon aus, dass sie nach ihrem tiefen Fall wieder ganz groß rauskommt. „Stewart wird als noch größerer Star aus dem Gefängnis herauskommen“, wusste „Business Week“. Sünder, die auf den Pfad der Tugend zurückfinden, sind in Amerika besonders beliebt.

Sie saß wirklich in der Tinte. Die populäre Lifestyle-Queen wurde mit einer fünfmonatigen Gefängnisstrafe belegt, weil sie Ermittler belogen und die Untersuchung eines verdächtigen Aktienverkaufs behindert hat. Auch im persönlichen Umgang entpuppte sie sich als scheußliches Monster. Vor Gericht beschrieben Zeugen die Angeklagte als eine jähzornige und kleinkarierte Chefin. Sie würde ihre Angestellten drangsalieren und könne nur vor der Kamera nett sein. Diese Anschuldigungen verscheuchten auch loyale Kunden.

Beschämt hielt sich die Diva zurück. Nach ihrer Einlieferung in den Knast schrubbte sie Klos, verdiente 15 Cent in der Stunde – und half einer Mitinsassin bei der Wiedervereinigung mit ihrer Familie. Da flossen die Tränen der Amerikaner und das Blatt wendete sich.

Ihre zur Schau getragene angebliche Bescheidenheit half ihr beim Aufpolieren ihres angekratzten Image. Nun holt sie zum nächsten Schlag aus. Stewart kann sich vor Angeboten kaum retten. So soll sie die Hauptrolle in zwei TV-Shows spielen, die im Herbst in ganz Amerika ausgestrahlt werden. Dass sie ein elektronisches Fußband trägt, weil sie noch fünf Monate unter Hausarrest steht, stört die Fernsehbosse nicht.

Unterstützung von der Wall Street gibt es auch. Seit ihrer Einlieferung ins Gefängnis hat sich der Aktienpreis ihrer Firma von etwa 16 Dollar auf 34 Dollar mehr als verdoppelt und ihr persönliches Vermögen um 500 Millionen vermehrt. Mit dem Kauf der Aktien zeigte auch die Investment-Bank Goldman Sachs, dass sie an die Firma glaubt. Damit eingedeckt haben sich auch Großinvestoren wie Fidelity.

Aber Vorsicht: Analysten drängen zum Verkauf der Aktie. Denn der Firma geht es in Wirklichkeit offenbar schlecht. Wenn die Faszination Amerikas für die geläuterte Missetäterin zu Ende geht, könnte die Landung hart werden.

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