Welt : Die mit den Regenwürmern gärtnern

Immer mehr Menschen bearbeiten ihr Fleckchen Erde biologisch. Karl Ploberger ist einer von ihnen.

Valerie Schönian
Im Gleichgewicht. Biogärtner lassen der Natur ihren Lauf – wenn keine Hilfe gebraucht wird. Foto: Mauritius Images
Im Gleichgewicht. Biogärtner lassen der Natur ihren Lauf – wenn keine Hilfe gebraucht wird. Foto: Mauritius ImagesFoto: mauritius images

Wenn Karl Ploberger mit Freunden auf seinem Balkon sitzt, mahnt er kurz nach Sonnenuntergang zur Ruhe: „Silencium“. Die zum Schweigen verdonnerten Freunde wagen nicht einmal mehr, ihre Rotweingläser an die Münder zu setzen. Zu hören ist zunächst: gar nichts. Dann doch: ein Schnüffeln, ein Rascheln, ein Schmatzen. „Da kommt mein Schneckenvertilger“, sagt Ploberger. Er lacht. Der Biogärtner und Buchautor meint seinen Igel, der Nacht für Nacht durch seinen Garten streift und die Pflanzen von Nacktschnecken und anderen Kleinlebewesen befreit. Schädlingsbekämpfung nach Regeln der Natur. In dem 2500 Quadratmeter großen Garten des Biogärtners aus Österreich gibt es keine Chemie und keine Giftstoffe. Statt derer arbeitet er bevorzugt mit Kompost, Rasenschnitt und Hornspänen. „Es ist ganz einfach: Nicht gegen, sondern mit der Natur gärtnern“, fasst Ploberger die biologische Variante des Gärtnerns zusammen.

In Berlin ist das wohl prominenteste Beispiel dafür der Prinzessinnengarten in Kreuzberg. Dort werden weder künstliche Düngemittel noch Pestizide verwendet. Die Pflanzenbehälter sind nicht aus Plastik, sondern aus vergänglichen Materialien; Erde und Saatgut sind mit Biozertifikaten ausgezeichnet. Biologisches Gärtnern ist in Mode. Und so geht in Berlin an diesem Wochenende erstmals die Messe „Gartenträume“ an den Start. Sie steht unter dem Motto „Nachhaltig gärtnern: Naturgärten und Ökotrends“.

Wer nachhaltig und natürlich in und mit seinem Garten arbeitet, freut sich auf giftfreie Tomaten und Erdbeeren, hilft Kriechtieren und Schmetterlingen am Leben zu bleiben und schont die natürlichen Ressourcen. „Jeder künstliche Dünger wird aus Erdöl hergestellt“, sagt Ploberger. „Außerdem ist die Vielfalt im ökologischen Garten größer – so kannst du die Welt schöner machen.“

Der passionierte Gärtner gibt seit 1993 in verschiedenen österreichischen Sendungen Tipps zum Thema Garten. Seit 2007 moderiert er die ORF-Sendung „Natur im Garten“. Gerade hat er sein neues Buch „So werde ich Biogärtner“ herausgebracht. Überall predigt er das Gleiche, zuletzt am vergangenen Sonntag in der Königlichen Gartenakademie in Dahlem: Biologisches Gärtnern ist einfacher und günstiger als die herkömmliche Bewirtschaftung der Scholle und es funktioniert überall.

Das Erste, was ein jeder Gärtner braucht, ist ein Komposthaufen. Doch bis dieser reif ist, dauert es bis zu zwei Jahre. Wer so lange nicht warten will, kann Komposterde im Baumarkt kaufen. Zwei Zentimeter Kompost sollten einmal im Jahr ohne Umgraben oberflächlich in den Boden eingearbeitet werden. Der beste Zeitpunkt dafür ist das Frühjahr. Ausnahmen sind Sandböden und Erden, die jahrelang chemischen Stoffen ausgesetzt waren. In diesen Fällen sollte bei jedem Düngen etwas Kompost in den Boden eingearbeitet werden. Hornspäne sind laut Ploberger der beste Langzeitdünger. Jedoch sollte auch dieses organische Mittel nicht unverhältnismäßig oft eingesetzt werden, da die Pflanzen sonst schneller von Schädlingen befallen oder gar krank werden. Wichtiger als der Dünger ist ein gesunder Boden, der durch Lockern und eben mithilfe von Kompost entsteht. Erst wenn der Boden Leben entwickelt, wirkt auch der Dünger.

Dann können die Samen gestreut oder kleine Pflanzen eingesetzt werden. Das Wichtigste dabei ist die Vielfalt. Hoch wachsende Pflanzen wie Tomaten passen gut zu flach wachsendem Gemüse wie Salat. Radieschen können nach kurzer Zeit geerntet werden, so dass sie gut neben Kohlrabi wachsen, der länger braucht und sich nach der Radieschenernte ausbreiten kann. Außerdem halten sich viele Pflanzen gegenseitig die Schädlinge fern. Zwiebelgeruch etwa vertreibt die Möhrenfliegen und Möhrengeruch wiederum schlägt umgekehrt die Fliegen der Zwiebel in die Flucht. Neben der Vielfalt sollte jeder Gärtner sein eigenes Zeitbudget im Auge behalten. Mit Wildsträucherhecken, Blumen und Wiesen lässt es sich bei wenig Arbeit am besten leben. Wer trotzdem Obst und Gemüse haben will, kann ein Hochbeet nutzen. Dafür muss der Boden im Garten nicht erst verbessert werden, es gibt weniger Probleme mit Schädlingen und es ist übersichtlich. So ist auch der Prinzessinnengarten organisiert.

Bei allen Varianten ist nach dem Säen das Gröbste getan. Es reicht die Pflanzen einmal wöchentlich zu gießen. Daneben muss der Boden jedoch regelmäßig gemulcht werden. Dafür kann zum Beispiel Rasenschnitt dünn über den Boden verteilt werden. Den Rest macht der Regenwurm, „der beste Freund des Gärtners“, wie ihn Ploberger nennt. Wenn der Mulch auf der Oberfläche nicht mehr zu sehen ist, sollte neuer aufgetragen werden. So trocknet der Boden nicht aus und Unkräuter kommen gar nicht erst ans Licht.

Mit ein bisschen Bio-Erde, organischem Dünger und einer Handvoll Hornspäne kann aus jedem Balkon-, ja sogar aus jedem Fensterbankbesitzer ein Öko- Gärtner werden. Ohne eigene Grünfläche funktioniert zwar nicht alles, aber Tomaten, Kräuter oder Salat wachsen da wo Licht ist.

Wer ein eigenes Stück Grün besitzt und es ökologisch bearbeitet, muss irgendwann kein Geld mehr in seinen Garten investieren. Sagt Ploberger. Denn alles kommt aus der Natur und wird wieder zu Erde. Der Dünger entsteht aus den Pflanzen der vergangenen Saison, der Mulch kommt aus dem Rasenmäher. Für den Rest sorgt das ökologische Gleichgewicht. „Dabei sind Geduld und Gelassenheit die zwei Tugenden eines Gärtners“, sagt Ploberger. In seinem Garten kam der Kreislauf nach etwa drei Jahren auf Touren. Und mit ihm die Schmetterlinge. „Daran erkennt man einen gesunden Garten.“ Die Abwechslung von Holunder und Narzissen neben Gurken und Beeren – sie hält seinen Garten lebendig. Das beweisen die Blindschleichen und Marienkäfer, die sich dazwischen tummeln und die Eichelhäher, die darüber ihre Kreise ziehen.

„Bei dir gibt es so viele Vögel, die herumzwitschern“, sagen Plobergers Freunde auf der Terrasse, als sie wieder sprechen dürfen. Ploberger lässt sich zufrieden in seinen Stuhl zurücksinken und lässt die Blicke über seine „Oase der Ruhe“ schweifen. Die kleinen Störenfriede erledigt ja der Igel.

Die Messe „Gartenträume“ findet seit gestern noch bis zum 17. Februar in den Hallen 3 und 7 am Gleisdreieck statt. Sie ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Eintrittspreise: Erwachsene 8,- €/Rentner 7,- €/Kinder bis 12 Jahre 1,- €/bis 4 Jahre frei





— Karl Ploberger:
So werde ich Biogärtner 12 Projekte für natürliches Gärtnern. Verlag E. Ulmer 2013, 159 Seiten, 302 Farbfotos, 19,90 Euro. ISBN 978-3-8001-7677-9.

1 Kommentar

Neuester Kommentar