Die Monsterschlange : Neue Art entdeckt

13 Meter lang, ein Meter dick – Paläontologen entdecken Reste einer ausgestorbenen Art. Die Riesenschlange wog bis zu einer Tonne und konnte ganze Krokodile verschlingen.

Ralf Nestler

Immer wieder beklagen sich Paläontologen, wie undankbar ihr Job ist: Sie durchforsten tonnenweise Gestein und nur mit viel Glück entdecken sie eine versteinerte Fährte oder vielleicht einen Knochen. Sie werden ihren Forschungsobjekten niemals gegenübertreten können. Dass das jedoch auch ein Vorteil sein kann, hat jetzt ein internationales Forscherteam um Jason Head von der Universität Toronto erfahren.

Als sie in einer Sedimentschicht in der kolumbianischen Kohlegrube Cerrejon Rückenwirbel eines Reptils fanden, mag ihnen schon ein unheimlicher Verdacht gekommen sein. Hochrechnungen am Computer zeigten dann das wahre Ausmaß ihrer Funde: 13 Meter maß die Riesenschlange zu ihren Lebzeiten. „An ihrer dicksten Stelle hätte sie mir bis über die Hüfte gereicht“, sagt der Geologe David Polly. Und dann vermutlich gleich zugezogen. Denn Titanoboa cerrenejonenses, so der wissenschaftliche Name des Reptils, gehörte zu den Würgeschlangen. Glück für den Wissenschaftler: Titanoboa ist längst ausgestorben. Sie schob sich bereits vor 58 bis 60 Millionen Jahren durch den tropischen Regenwald, der heute die Kohleflöze von Cerrejon bildet und dürfte zu den größten Landlebewesen jener Zeit gehört haben. Die Dinosaurier waren nämlich kurz zuvor – vor 65 Millionen Jahren – an den Folgen eines Asteroideneinschlags zugrunde gegangen.

Wie die Forscher im Fachjournal „Nature“ berichten, verbrachte die Riesenschlange die meiste Zeit am beziehungsweise im Wasser. Einerseits fand sie dort genügend Nahrung – sie verschlang ganze Krokodile und Riesenschildkröten. Andererseits hat sie wohl den Auftrieb im Wasser genutzt, um ihr Skelett zu entlasten. Den Berechnungen zufolge wog sie etwas mehr als eine Tonne. Schaut man sich dagegen die heutigen Boas und Anacondas an, die bis zu neun Meter lang werden und 200 Kilogramm auf die Waage bringen, erscheint deren Bezeichnung als „Riesenschlangen“ fast übertrieben.

Dass Titanoboa überhaupt so groß werden konnte, lag an dem guten Wetter, das vor Jahrmillionen in Südamerika herrschte. Schon lange ist bekannt, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Temperatur und der Größe von wechselwarmen Tieren, zu denen auch Schlangen gehören. Die Forschergruppe um Jason Head setzte daraufhin die Schlangenmaße in eine Klimagleichung. Demzufolge betrug die Durchschnittstemperatur ihres Lebensraums 30 bis 34 Grad Celsius. Heute herrschen im südamerikanischen Regenwald nur etwa 27 Grad.

„Diese Werte zeigen uns, dass die Tropen damals sehr nahe an einem Klimaoptimum waren“, schreiben die Forscher: Warm genug für üppiges Wachstum, aber nicht zu heiß. Die hohen Temperaturen seien ein weiterer Hinweis darauf, dass es zu jener Zeit weltweit einen starken Treibhauseffekt aufgrund eines hohen Kohlendioxidgehalts in der Atmosphäre gab. Eine ähnliche Entwicklung erwarten Wissenschaftler für die kommenden Jahrzehnte. Allerdings wird die globale Durchschnittstemperatur „nur“ um zwei Grad bis 2100 steigen, so dass jene Bedingungen, unter denen Titanoboa groß wurde, noch nicht erreicht werden.

Aus der Sicht der damaligen Natur war die Erderwärmung etwas Positives, weil es hervorragende Bedingungen für die Entwicklung der Arten gab. Dass sich unser Planet jetzt erneut aufheizt, wird nur vom Menschen als Bedrohung empfunden: Weil Äcker verdorren und infolge abschmelzender Gletscher der Meeresspiegel steigt und küstennahe Gebiete überschwemmt.

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