Welt : Die Motoren versagten

Alle 160 Insassen sterben bei Flugzeugabsturz im Westen von Venezuela

Sandra Weiss[Montevideo]

Kurz nach drei Uhr morgens meldete sich der Pilot beim Tower des internationalen Flughafens Simon Bolivar in Caracas. „Wir haben Probleme mit einer Turbine“, funkte er und bat um Erlaubnis, am nächstgelegenen Flughafen von Maracaibo zu landen. Zu diesem Zeitpunkt flog die fast voll besetzte Passagiermaschine vom Typ MD 82 der kolumbianischen Gesellschaft West Caribbean gerade über die Andenausläufer der Sierra de Perija an der kolumbianisch-venezolanischen Grenze. Zehn Minuten später fiel auch der zweite Motor aus, der Kontakt mit den Fluglotsen in Caracas brach ab.

„Das Flugzeug verlor rund 7000 Fuß pro Minute an Höhe, und wir vermuten, dass es zwischen halb drei und Viertel vor vier im Westen Venezuelas abgestürzt ist“, sagte der venezolanische Innenminister Jesse Chacon im Staatsfernsehen VTV. Rettungstrupps seien mit Hubschraubern und auf dem Landweg unterwegs zur Unglücksstelle in der Nähe des Maracaibo-Sees, fügte Chacon hinzu. Auch von Kolumbien aus versuchte ein Bergungsteam, zur Absturzstelle vorzudringen. Nach offiziellen Angaben wurden bisher etwa 56 Leichen geborgen. Gefunden wurde auch der Flugschreiber der Unglücksmaschine.

Anwohner im Dorf Machiques in der Nähe der Absturzstelle berichteten dem privaten TV-Sender Globovision per Telefon von einer Explosion in den nahe gelegenen Bergen. Regen und Nebel erschwerten den Rettungstrupps das Vorankommen. Der Direktor der zivilen Luftüberwachung Kolumbiens, Carlos Montealegre, erklärte unter Berufung auf Feuerwehrleute vor Ort, dass alle Passagiere und Besatzungsmitglieder tot seien. Nach Angaben der Flugsicherung in Venezuela fiel das voll besetzte Flugzeug wie ein Stein vom Himmel. Die meisten Passagiere wurden im Schlaf überrascht.

Der Flieger war gegen ein Uhr früh in Panama mit 152 Passagieren und acht kolumbianischen Besatzungsmitgliedern an Bord gestartet. Ziel war die französische Karibikinsel Martinique, die Passagiere waren französischen Behörden zufolge alle Franzosen aus Martinique. Ein Radiosender meldete, es sei auch mindestens ein Kind an Bord gewesen. Frankreichs Präsident Jacques Chirac zeigte sich „bestürzt über die furchtbare Katastrophe“ und sprach den Angehörigen der Opfer sein Beileid aus. Nie zuvor sind bei einem Flugzeugabsturz so viele französische Staatsbürger ums Leben gekommen.

Das Flugzeug gehörte der privaten Fluglinie West Caribbean, Eigentum einer kolumbianischen Investorengruppe aus Medellin. Sie besitzt drei MDD sowie mehrere zweimotorige Jets. Es ist der zweite Unfall der finanziell angeschlagenen Gesellschaft in weniger als einem halben Jahr. Erst im März verunglückte eine zweimotorige Maschine beim Start auf der kolumbianischen Insel Vieja Providencia. Der Flieger konnte nicht abheben und zerschellte an einem Berg. Dabei starben acht Insassen. Daraufhin unterzog die Gesellschaft alle Maschinen einer technischen Überprüfung und stornierte alle Flüge. Der Vater des verunglückten Kopiloten, Elkin Munoz, sagte dem kolumbianischen Radiosender Caracol, sein Sohn habe immer großes Vertrauen gehabt, da die Maschinen stets ordnungsgemäß und sorgfältig gewartet worden seien.

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