Welt : Die Nacht der Adele

Sie ist die große Grammy-Siegerin, aber über allem schwebte das Gedenken an die verstorbene Diva.

Lars Halter

Der Star der Grammys heißt Adele, aber in den Herzen regierte eine andere Diva. Einen Tag nach dem Tod von Whitney Houston verneigte sich die Branche vor einer ihrer größten Stimmen. Im Staples Center von Los Angeles betete LL Cool J für den gefallenen Engel, Jennifer Hudson sang „I Will Always Love You“. Am Ende war die fast vierstündige Show wegen dieses Dramas eines der größten Spektakel in der Grammy-Geschichte.

Besinnlich hatte der Abend schon auf dem roten Teppich begonnen, wo Stars aller Kategorien der toten Sängerin gedachten. „Ich werde nie vergessen, als ich sie das erste Mal hörte“, erinnerte sich der legendäre Entertainer Tony Bennett. „Sie war die größte Stimme, die ich je gehört hatte.“ Country-Star Miranda Lambert fühlte eine „dunkle Wolke über einem Abend, an dem wir eigentlich feiern sollten“, und der Rapper Flo Rida sagte: „Sie hat für viele Stars den Weg geebnet. Sie hat uns alle inspiriert.“

„Wir haben die ganze Nacht überlegt, wie wir in der Show die Liebe und Wertschätzung zeigen können, die Whitney verdient hat“, sagte Grammy-Moderator LL Cool J auf dem Weg in die Halle. Er eröffnete den Abend mit einem Gebet, für das viele der anwesenden Stars die Augen schlossen. Einige knieten sogar vor ihren Stühlen nieder. Den Höhepunkt der Whitney-Show brachte später Jennifer Hudson mit einer bewegenden Version von Houstons größtem Hit: Im schwarzen Kleid auf einer dunklen Bühne sang sie „I Will Always Love You“ klar, zurückhaltend und schnörkellos – es war der Hit, für den Whitney Houston 1994 selbst zwei Grammys bekam.

Abseits der Trauer um Houston war die Show – begonnen von Bruce Springsteen, beendet von Paul McCartney – reich an Höhepunkten. Adele räumte für ihr Album „21“ alle sechs Grammys ab, für die sie nominiert war – wohl sehr zum Unmut von Lady Gaga, Katy Perry und Bruno Mars, die in mehreren Kategorien gegen die Britin unterlagen.

Höhepunkt der Adele-Show war ihre Live-Performance: Nach einer besorgniserregenden Stimmband-Operation meldete sich der größte Star des Jahres mit „Rolling In The Deep“ in einem phänomenalen Comeback zurück. Als sie nach einer Strophe kurz innehielt, hatten viele Zuschauer Angst, sie habe ihre Stimme verloren, aber dann sang sie klar weiter. Fans hatten zuvor befürchtet, die Karriere der jungen Sängerin könnte schon vorbei sein – am Sonntagabend gab es Jubel und keinen Zweifel: Adele is back.

Dass Adele an einem Abend so viele Grammys erhielt wie Whitney Houston in ihrem ganzen Künstlerleben, hängt mit der Inflationierung der Preise zusammen. Immer neue Kategorien wurden in den letzten Jahrzehnten eingeführt.

Während Adele abräumte, kamen auch andere neue Acts nicht zu kurz: Rapperin Nicki Minaj markierte mit „The Execution of Roman“, komplett mit Beichte beim Bischof, tanzenden Priestern und berstenden Kirchenfenstern einen Höhepunkt, wie man ihn seit Madonnas skandalösem Video zu „Like a Prayer“ nicht gesehen hatte. Laut wurde es bei den Foo Fighters, ausgezeichnet als beste Rockband, und großartig trat Bruno Mars auf, der im Vorjahr für „Just The Way You Are“ ausgezeichnet wurde und in diesem Jahr leer ausging.

Alt und Jung trafen sich auf der Grammy-Bühne, als Maroon 5 und Foster The People die Wiedervereinigung der Beach Boys einleiteten. Die feierten in Los Angeles ihr 50. Bühnenjubiläum und gehen jetzt auf Tour – die „Good Vibrations“ spüren sie offensichtlich auch mit 70 Jahren noch. Noch älter war Tony Bennett, der mit 85 noch einmal ein romantisches „It Had To Be You“ mit Carrie Underwood schmachtete. Bennett ist eine der Perlen im amerikanischen Musikgeschäft. Er, der schon mit Frank Sinatra arbeitete, holt sich heute regelmäßig junge Stars ins Studio, und so kam es, dass er außer Whitney Houston noch einer anderen Kollegin huldigte: Amy Winehouse, mit der er noch Wochen vor dem Tod ein Duett aufgenommen hatte. „Whitney, Amy und Etta James – im Himmel gibt es eine wunderbare Girl-Group“, sagte er.

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