Die nächste Drehung : Lance Armstrong soll Barack Obama erpresst haben

Wenige Tage nach der Aberkennung aller sieben Tour-de-France-Titel steht Lance Armstrong erneut im Scheinwerferlicht. Er soll Barack Obama im Wahlkampf 2008 erpresst haben, weil der in Berlin auftrat, statt bei der Livestrong-Stiftung des Radprofis.

Nicolas Diekmann
Nun auch ein Erpresser? Lance Armstrong.
Nun auch ein Erpresser? Lance Armstrong.Foto: AFP

Über 200 000 Berliner standen begeistert vor der Siegessäule, jubelten, klatschten und riefen Barack Obama zu. Im Sommer 2008 war der damalige US-Präsidentschaftskandidat der Demokraten auf Europareise, machte für eine Rede Zwischenstopp in der Hauptstadt. Weil er damit sein außenpolitisches Profil stärken wollte, sagte Obama damals den Besuch einer Veranstaltung der Krebsstiftung Livestrong ab.

Deren Gründer Lance Armstrong soll darüber so verärgert gewesen sein, dass er der Demokratischen Partei drohte. Das zumindest behauptet die amerikanische Journalistin Selena Roberts in ihrem nun veröffentlichten Online-Report. Demnach habe Armstrong in einer E-Mail an Obamas Parteifreund John Kerry geschrieben: „Wenn Krebs für die Demokratische Partei kein Thema ist, lassen wir alle Mitglieder von Livestrong wissen, wo die Demokratische Partei in dieser Frage steht.“ Zudem berichtet Roberts, dass auch der ehemalige US-Präsident Bill Clinton in Machenschaften der Stiftung verstrickt gewesen sein soll. Demnach sei die plötzliche Einstellung der staatlichen Ermittlungen gegen Armstrong Anfang 2012 auf Geheiß Clintons erfolgt. Zeitgleich habe eine von Clinton geführte Krebsstiftung 100 000 Dollar erhalten – von Armstrong, wie Roberts schreibt.

Die Journalistin ist keine Unbekannte in der investigativen Berichterstattung. Nach ihren Recherchen gab Alex Rodriguez, einer der besten Baseballspieler der Welt, im Jahr 2009 zu, zwischen 2001 und 2003 mit Steroiden gedopt zu haben.

Die mögliche Droh-Mail Armstrongs ist ein weiteres Kapitel in der nun beträchtlichen Ansammlung von Vorwürfen gegen seine Person. Erst am Montag wurden ihm seine sieben Tour-de-France-Titel vom Weltradsportverband UCI offiziell aberkannt. Die jetzigen Vorwürfe sind allerdings die erste Anschuldigung jüngerer Zeit im Zusammenhang mit der von ihm gegründeten Stiftung. Armstrong drohte laut Roberts damit, über die stiftungseigene Datenbank Millionen registrierte Mitglieder darüber zu informieren, dass die Demokraten dem Thema Krebserkrankung eine nur untergeordnete Relevanz beimessen.

„Grassroot Lobbying ist in den USA ein sehr beliebtes Mittel, um politische Akteure unter Druck zu setzen“, sagt Ulrich Müller von LobbyControl. Dabei legen Lobbygruppen Adressdatenbanken mit Kontakten zu Bürgern an. Sollte beispielsweise eine Gesetzesentscheidung anstehen, mit der das jeweilige Unternehmen nicht einverstanden ist, werden die Bürger über einen Mail-Verteiler informiert und dazu aufgefordert, politische Entscheidungsträger davon abzuhalten, für das Gesetz zu stimmen. Ähnlich soll Armstrong agiert haben, wenngleich es keine direkte Einflussnahme gewesen wäre, zumindest aber „Negative campaigning“, sagt Müller. Auswirkungen auf das Wahlverhalten der Informierten sind nicht ausgeschlossen. Inwiefern Armstrong seine Drohung wahrgemacht hat, ist ebenso wenig bekannt wie die Wahrheit der erhobenen Vorwürfe. Kritik an der engen Verbindung zwischen Armstrong und der 1997 von ihm gegründeten Stiftung Livestrong gab es allerdings bereits früher. In einem 2009 veröffentlichten Buch beschuldigen die Autoren David Walsh und Pierre Ballester den Radprofi, er würde über die Stiftung in seine eigene Tasche wirtschaften, zudem investiere Livestrong zu viel Geld in ihre Außenwirkung und zu wenig in die Forschung. Im Zuge der Doping-Anschuldigung ist Armstrong vor einigen Tagen vom Vorsitz der Stiftung zurückgetreten. Im Vorstand aber sitzt er weiterhin.

Als Radfahrer hatte Armstrong seinen Teamkollegen klargemacht, dass sie nur gedopt einen Platz an seiner Seite bekommen. Als Vorsitzender seiner Stiftung steht nun der Vorwurf im Raum, er sei erpresserisch vorgegangen. Sollte es so gewesen sein, steht das im Widerspruch zu einem Grundsatz von Livestrong. In einem Pamphlet der Stiftung heißt es: „Es ist dein Leben. Nimm keine Gefangenen.“

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