Welt : "Die Namenlosen": Frag nie warum, hör auf zu sein

Eva Leipprand

"Wir sind stumme Propheten. Wir ersetzen das Wort durch die Gewalt. Sie erzählt unseren Feinden, was wir zu sagen haben. Sie erzählt der Welt, was wir wollen und wer wir sind." Eine finstere Gruppe ist das, die Sekte der "Namenlosen" um den fanatischen Iren Fisnish. Ihre Feinde sind die Amtsträger der katholischen Kirche, und die Sprache der Gewalt nehmen sie wörtlich. Was sie wollen, ist Rache. Allesamt sind sie Opfer einer seelenzerstörenden religiösen Erziehung. Fest im Griff ihres asketischen Führers, getragen vom Gefühl des Auserwähltseins, getrieben von ichauflösenden Parolen - "frag nie, warum", "hör auf zu sein" - und von der Hand des Gurus gebrandmarkt, ziehen sie im Sommer 1996 durch Südfrankreich und Irland und betreiben die Vernichtung ihrer Peiniger, der verhassten Mönche, Nonnen und Priester.

Die Krönung des Feldzugs sollte die Ermordung des Papstes in Rom durch ein Selbstmordkommando sein. Aber die zu dieser Tat Auserkorene, die Schweizerin Christa, entzieht sich der Aufgabe, weil sie ihr Leben retten will, das sie dann doch verliert durch die Hand des Sektenführers.

Die Geschichte nimmt Gestalt an in einer komplizierten Erzählstruktur. Zu Beginn sitzt Christa am Schreibtisch in einem irischen Cottage, wohin sie geflohen ist. In Erwartung von Fisnishs Rache schreibt sie einen Brief an ihre Tochter, der zugleich ihre Lebensbeichte ist. Eingeschobene Zeitungsausschnitte dokumentieren die tödlichen Aktivitäten der Sekte. Die Tochter hat sie nie zu Gesicht bekommen, sie war die Frucht einer frühen Beziehung mit einem Geistlichen und wurde ihr gleich nach der Geburt weggenommen. Christa verfasst ihren Bericht nach Art eines Tagebuchs, so durchlebt sie den mörderischen Sommer erneut. Dabei kommen Kindheitserinnerungen hoch, an den Vater, der Korrektor war in einer Druckerei, an die Mutter, die der Kirche und dem Priester Lingen hörig war. "Meine Mutter glaubte an Gott, mein Vater an den Duden." Während die Mutter ihr jede Körperlichkeit auszutreiben versuchte, zwang der Priester sie zu sexuellen Diensten: Er wurde folgerichtig Opfer ihrer Rache.

Gegenfigur zu Fisnish ist der schöne Feuerschlucker Erich. Er predigt Liebe, nicht Hass. Er kommt aber zu spät, um Christa vor Fisnishs Messer zu retten. Immerhin rettet er ihr Manuskript, ergänzt es durch eigene Zusätze und schickt es der Tochter. Sein Begleitbrief, an den Anfang des Romans gesetzt, beglaubigt ihn fiktiv als Dokument.

Der Schweizer Hansjörg Schertenleib (in Irland wohnend) schreibt seit Mitte der achtziger Jahre Prosa, Gedichte und Theaterstücke. In seinem Roman "Das Zimmer der Signora" (1996) hat er bereits das Verhältnis von Sexualität und Gewalt in einer sehr komplexen Darstellungsweise durchgespielt. Der neue Roman stellt das Thema in den Kontext einer Sekte. Es hat Autoren immer wieder gereizt, die Dynamik solcher Gruppen darzustellen, ob sie die "Namenlosen" heißen oder die "Entschlossenen", wie in Josef Haslingers "Opernball". Die eigentlich interessante Frage dabei ist, was einen Menschen dazu treibt, Verstand und Persönlichkeit aufzugeben zugunsten eines obskuren Ziels und der Machtbesessenheit eines Führers.

Schertenleibs Christa, so viel sie auch erzählt, beantwortet diese Frage nicht befriedigend. Die Tochter, für die sie schreibt, lernt die Mutter nicht wirklich von innen kennen, erfährt sie nicht als eine Fühlende, Ringende, Entscheidende. Dafür bedient sich Christa reichlich bei den Klischees der religiös Traumatisierten. Der Priester Lingen ist fett, alt, lüstern, feige. Christas bigotte Mutter trägt den Dutt straff geknüpft am Hinterkopf, während sie nie benutztes Silber putzt - "der Triumph von Sauberkeit und Ordnung". Lebenserfahrung wird wenig originell formuliert: "Für sein Leben ist man selbst verantwortlich", oder: "Wir Menschen scheitern letztlich an uns selbst."

Christa selbst erscheint einerseits als bedauernswertes Produkt sexualfeindlicher Bigotterie, andererseits aber, von einem Hauch mystischer Größe umweht, als ein "eiskalter Engel", dem man den sklavischen Gehorsam gegenüber dem durchaus durchschaubaren Guru nicht abnehmen mag. Die Rolle wirkt als Psychogramm nicht schlüssig und wird auch durch Erichs Ergänzungen nicht plausibler. Sie engt leider auch Schertenleibs Sprache ein. Stefano im "Zimmer der Signora" konnte da aus dem Vollen schöpfen. Wenn Christa spricht, verliert die Sprache Farbe und jede Spur von Humor. Die Figur entwickelt sich auch nicht, so dass der Roman, trotz seines blutigen Beginns, keine wirkliche Spannung aufbaut. Vielleicht wäre eine so heikle Figur besser nicht von innen, sondern von außen darzustellen, wie die rätselhafte Signora, dann bliebe ihr das Stück Geheimnis, das sie braucht.

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