Welt : Die Nerven liegen blank

Böse Gerüchte über absichtliche Deichsprengungen vergiften die Atmosphäre

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Von Eberhard Löblich,

Magdeburg

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer bringt die Sache auf den Punkt. „Wir haben hier zurzeit zwei Probleme“, sagt er. „Eine Flut von Elbwasser und eine zweite Flut von Gerüchten und Fehlinformationen.“

Kaum jemand weiß, wie manche Gerüchte entstanden sind. Etwa das Gerücht, dass der östliche Damm des Elbeumflutkanals um Magdeburg bewusst angestochen wurde, um den westlichen Damm und damit die Landeshauptstadt zu entlasten (Bericht oben). „Ihr habt uns für Magdeburg geopfert“, rufen durch den Dammbruch betroffene Einwohner den Helfern zu, die angesichts des Dammbruches zu retten versuchen, was noch zu retten ist.

Ähnlich diffus sind die Gerüchte über die Sprengung von Deichen in den Landkreisen Bitterfeld und Wittenberg. „Es ist doch absurd zu glauben, dass wir Deiche sprengen und damit Ortschaften den Fluten überlassen, nur um andere Ortschaften vor den Fluten zu retten“, sagt Böhmer. Es habe zu keiner Zeit ernsthafte Überlegungen gegeben, zur Rettung einzelner Städte oder Ortschaften Deichanlagen zu zerstören, sagt auch Innenminister Klaus Jeziorsky. „Es hat natürlich die Öffnung einzelner Wehre gegeben, um die Deiche selbst vom Wasserdruck zu entlasten“, sagt Jeziorsky. Das sei allerdings lediglich im Verlauf der Autobahn A 9 und in der Gegend des ehemaligen Tagebaurestloches Goitzsche bei Bitterfeld geschehen. „Wir haben die Wehre nur dort gezielt geöffnet, wo keine Ortschaften dadurch unmittelbar in Gefahr gerieten.“

Auch Behörden beteiligt

Tatsächlich aber scheint es selbst genügend amtliche Urheber von Gerüchten und Falschmeldungen zu geben. So gibt es etwa immer wieder Auskünfte von Pressesprechern der hochwasserbedrohten Landkreise, die den Angaben der Katastrophenstäbe in diesen Landkreisen diametral widersprechen. So gelten etwa in den Auskünften der Kreissprecher Ortschaften längst als Überflutet und von den Katastrophenhelfern aufgegeben, in denen sich die Anwohner stattdessen aber nach wie vor aufhalten. Umgekehrt gelten in den Aussagen der Katastrophenstäbe auch viele Ortschaften als nach wie vor bewohnt, die von ihren Einwohnern längst mit Sack und Pack verlassen worden sind.

„Es gibt natürlich auch viele Menschen, die sich in irgendeiner Form interessant machen wollen, indem sie eine neue Katastrophenmeldung in die Welt setzen“, sagt Böhmer.

Fraglich ist, ob sich diese Leute selbst einen Gefallen tun. „Die meisten von denen“, glaubt Torsten Rieberknecht vom Technischen Hilfswerk, müssen sich ja irgendwann einmal in ihrem persönlichen Umfeld für die Gerüchte verantworten, die sie in die Welt gesetzt haben.

Manche Falschmeldung entsteht aber auch schlichtweg durch Missverständnisse oder Übertragungsprobleme. Mehrere Journalisten riefen in der Nacht zum Mittwoch beim Pressesprecher der Stadt Magdeburg, Michael Reif an, nachdem sie Gerüchte über einen Dammbruch im ostelbischen Magdeburger Stadtteil Randau wahrgenommen hatten.

Auch Reif selbst hatte entsprechende Gerüchte gehört, sie zunächst aber nicht bestätigt bekommen. Erst spät in der Nacht klärte sich die Sache auf: Vom Deichbruch betroffen war nicht der Magdeburger Stadtteil Randau, sondern die Ortschaft Sandau im Landkreis Stendal unweit der Landesgrenze von Sachsen-Anhalt zu Brandenburg.

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