Welt : Die perfekte Welle

Holger Müller-Hillebrand

Es ist der Traum leidenschaftlicher Surfer: Die fast endlose Fahrt durch eine große Wasserröhre, aus der man, sicher auf dem Brett stehend, auch wieder heraus kommt. Doch wird der Ritt durch solch ein "Haus aus kristallklarem Wasser", wie die Vision von Surfsportlern begeistert beschrieben wird, meist jäh gestoppt. Die Welle ist schneller als der Surfer und lässt diesen in den Wassermassen untergehen.

Hilfe für viele frustrierte Surfer, die schon lange auf die "perfekte Welle" warten, kommt jedoch aus der Wissenschaft. Denn nach jahrelanger Arbeit vor allem an den Küsten Australiens, Neuseelands und der USA wollen Forscher und Küsteningenieure herausgefunden haben, was "perfekte Surf-Wellen" ausmacht - und wie man beste Voraussetzungen für sie schaffen kann. Demnach ist für Surfer besonders entscheidend, auf welche Weise und wie schnell die Wellen umbrechen. Da diese Faktoren nach Überzeugung der Wissenschaftler unter anderem von der Beschaffenheit des Meeresbodens abhängen, können sie auch beeinflusst werden. Selbst tiefste Unterwasser-Riffe, fanden die Forscher heraus, können die Beschaffenheit großer Wellen verändern. "Wir haben die Charakteristika der Böden gemessen, die gute Surf-Wellen erzeugen", erklärt Angus Jackson vom Internationalen Küstenmanagement im australischen Queensland, "und versuchen nun, diese zu übertragen, um ähnliche Wellen an anderen Orten zu kreieren."

Was sich leicht anhört, stellt einen langwierigen Prozess dar. In monatelanger Arbeit werden die Wellengänge und Meeresgrund-Konturen ausgewählter Küsten aufgezeichnet, in Computern analysiert und in dreidimensionale Modelle umgesetzt. An der Küste, an der das so entworfene Bodenprofil nachgebildet werden soll, pumpt ein Spezialschiff zunächst Sand vom Grund in einen rund 20 mal 4,5 Meter großen Textilsack. Mit Hilfe von Satelliten wird anschließend die Position bestimmt, an der das Schiff den Sandsack wieder auf den Meeresgrund fallen lässt. Allein an der Gold Coast im Osten Australiens - einem der ersten künstlichen Riffe, das sich noch im Bau befindet - werden rund 300 Säcke mit insgesamt rund 110 000 Kubikmeter Sand auf dem Meeresgrund deponiert werden, sagt Kerry Black von der neuseeländischen Firma ASR, die sich auf Küstentechniken und das Design künstlicher Riffe spezialisiert hat. Doch wird der kostspielige menschliche Eingriff, gibt der begeisterte Surfer Black zu, nicht allein um des Wellenreitens wegen vorgenommen. Der beste "Nebeneffekt" sei, dass solch künstlich angelegte Riffe auch ideal für den Küstenschutz seien: "Kommunen, die mit Erosion zu kämpfen haben, können von ihnen profitieren." Der Küstenschutz sei es auch gewesen, weshalb die Entwicklung künstlicher Riffe überhaupt erforscht wurde - bevor findige Wissenschaftler auf die Idee kamen, auf diese Weise auch für gute Surf-Bedingungen zu sorgen.

Die Ergebnisse können sich sehen - und surfen - lassen: Seit dem menschlichen Eingriff scheint der Erhalt der Küstenlinie an der Gold Coast gesichert, sind die Wellen berechenbar und türmen sich, abhängig von der Wetterlage, zwischen zwei und 13 Metern Höhe auf. "Wenn wir auch nicht zu jeder Zeit eine perfekte Surf-Welle garantieren können", sagt Angus Jackson, "hoffen wir doch, dass hier viele Surfer ihre für sie perfekte Welle finden werden." 14 weitere künstliche Riffe sind derzeit in Bau oder Planung, darunter auch ein Großprojekt im englischen Newquay.

Der Erfolg aller Maßnahmen, soviel ist klar, hängt immer auch von den natürlichen Eigenschaften der Wellen am jeweiligen Standort ab. Doch selbst wenn die Natur der Wissenschaft hierbei ein Schnippchen schlagen sollte - die Wellen also nicht so häufig oder so hoch wie gewünscht auftauchten -, haben die Forscher eine Lösung parat, verrät Jackson: "Große Tanks, die konstant gleichmäßige Wellen nach den Wünschen eines jeden Surfers erzeugen, können der zuküftige Weg sein." Das ist keine Zukunftsmusik: In einigen großen Städten wie Tokio existieren bereits solche "Wellen-Tanks".

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