• Die psychologischen Folgen der Katastrophe werden die Menschen ihr Lebtag begleiten

Welt : Die psychologischen Folgen der Katastrophe werden die Menschen ihr Lebtag begleiten

Susanne Güsten

Als Jahrhundertkatastrophe wird das Erdbeben der vergangenen Woche in der Türkei schon jetzt bezeichnet - doch die Nachwirkungen werden noch weit in das nächste Jahrhundert hineinreichen. Die Tragweite der humanitären und wirtschaftlichen Verheerungen fallen sofort ins Auge. Doch selbst wenn alle Toten begraben, wenn irgendwann einmal die Häuser wieder aufgebaut sind und wenn die Volkswirtschaft sich von diesem gewaltigen Rückschlag erholt hat, dann werden die psychologischen Narben noch längst nicht verheilt sein. Ein bis zwei Generationen wird das Trauma des Erdbebens noch nachwirken, schätzen türkische Psychologen. "Kein Mensch, der die Katastrophe durchlebt hat, wird sie bis an sein Lebensende verwinden können", sagt Dr. Arif Verimli von der Nervenklinik Bakirköy in Istanbul. "Das Leben wird für diese Menschen nie wieder so sein wie zuvor," sagt auch Dr. Ramazan Ari von der Psychologischen Fakultät der Selcuk-Universität in Konya.

Hilfe brauchen alle, wenn auch in unterschiedlichem Grad und auf verschiedene Weise: Erwachsene und Kinder aus dem Erdbebengebiet, die Helfer der ersten Stunde und sogar Kinder in anderen Landesteilen, die Fernsehbilder des entsetzlichen Geschehens zu sehen bekamen. Die Krisenstäbe der Regierung und der betroffenen Provinzen rufen seit dieser Woche nicht nur ausgebildete Psychologen und Psychiater, sondern auch Medizinstudenten der einschlägigen Fachrichtungen dazu auf, sich im Erdbebengebiet für erste Hilfsmaßnahmen zur Verfügung zu stellen. Die Opfer werden nach Expertenangaben noch lange seelische Unterstützung und professionelle Hilfe brauchen; entscheidend ist nach Verimlis Einschätzung aber die Therapie in den ersten Monaten. Die Errichtung von Therapiezentren im Erdbebengebiet ist deshalb nach übereinstimmender Einschätzung türkischer Psychologen unverzichtbar.

Zu den unmittelbaren Symptomen des Erdbebentraumas zählen nach Angaben der Türkischen Psychologen-Vereinigung Angstzustände, Schuldgefühle, Reue, Wut und Scham. Die Erinnerung an das Durchlebte lässt die Opfer nicht los: Zwanghaft verspüren sie den Drang, die Ereignisse immer wieder und in allen Details zu erzählen und besprechen. Furcht vor einem neuen Beben kommt dazu. Bebenopfer leben ständig in der Angst, dass die Erde jeden Moment wieder in Bewegung geraten könnte. Schlaf und Appetit sind schwer gestört. Kopfschmerzen, Übelkeit und Bruststechen können ebenfalls auftreten.

Als Erste-Hilfe-Maßnahmen rät die Vereinigung über Zeitungen und Fernsehen den Opfern, Schmerz und Trauer zuzulassen und sich auch die Zeit für die Einkehr zu nehmen. "Es ist ihr natürliches Recht, ihren Verlust zu betrauern", erinnern die Psychologen die Menschen. Auch ihrem Redebedürfnis sollen die Menschen nachgeben und versuchen, ihre Gefühle mit anderen zu teilen - schließlich durchlebt fast jeder in der Umgebung etwas Ähnliches. Alkohol und Drogen sind in dieser Phase dringend zu meiden; Ablenkung ist dagegen geraten. Vor allem sollten die Erdbebenopfer aber versuchen, sich in professionelle Behandlung zu begeben, raten die Experten - derzeit noch leichter gesagt als getan.

Besonders folgenreich ist das Erdbebentrauma für Kinder. Viele fallen jetzt in längst abgelegte Babygewohnheiten zurück, fangen wieder mit dem Daumenlutschen an oder machen in die Hose. Die Kinder können sich keinen Schritt mehr von den Eltern entfernen, wollen immer bei der Hand oder auf dem Schoß gehalten werden und wollen nicht mehr alleine schlafen. Für die Verwandten herzzereißend können die Fragen der kleineren Kinder sein, die ihren Verlust noch nicht begreifen, sagt Dr. Ari. "Wo ist meine Mama?" und "Wann gehen wir nach Hause?" sind Fragen, die sie noch lange stellen werden.

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