Welt : Die rappenden Enkel

Junge Kubaner können mit den alten Männern des Son nichts mehr anfangen – sie lieben HipHop

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Wer nach Havanna kommt, um der alten Garde des kubanischen Son zu begegnen, der muss sich entweder in den Lobbys der großen Hotels umsehen oder aber die verborgenen Winkel der Stadt aufsuchen. Ebenso ist es Ry Cooder ergangen, der 1996 die meisten der Musiker des Buena Vista Social Club in ihren halb verfallenen Häusern aufspürte. Dank Cooders Album „Buena Vista Social Club“ gab es eine Renaissance der traditionellen kubanischen Tanzmusik, die vor allem in Europa, Japan und den USA gefeiert wird. In kubanischen Radiosendern sucht man nach den Hits des „Buena Vista Social Club“ jedoch vergeblich. Und während Ibrahim Ferrer in Tokio auf offener Straße um Autogramme gebeten wird, kann er unbemerkt durch die Gassen der Altstadt von Havanna spazieren. Denn auf Kuba gehört die Musik der alten Herren einer Epoche an, die längst nicht mehr gefeiert wird – sie dient, wie etwa „Cohiba“Zigarren und „Havana Club“-Rum, in erster Linie als Exportschlager und Devisenbringer. Die alten Herren werden nach und nach von den Youngsters der Hypersalsa oder Timba abgelöst, die mit schmetternden Trompeten, Sprechgesang und rhythmischer Repetition eine musikalische Revolte angezettelt haben.

Neben Hypersalsa und Timba gibt es einzelne Hip-Hop-Formationen, die allerdings von den Kulturbehörden streng überwacht werden. Den Aufbruch in die Moderne bringt ein Enkel von Ibrahim Ferrer so zum Ausdruck: „Son oder Boleros sind blöd und altmodisch, Mann.“ Bands wie „NG La Banda“ oder die „Charanga Habanera“ sind es, die auf Kuba derzeit die Baseballstadien füllen – während der klassische Son meist in die Kulturhäuser der Provinz verbannt ist oder vor Touristen gespielt wird. Dagegen singen die rappenden Enkel des Mambo im schroffen Slang über Sex und Prostitution und liefern dazu Choreografien, über die die alten Soneros nur den Kopf schütteln können. José Luis Cortés, Sänger von „NG La Banda“, beklagt, dass die neue Musik, die auf Kuba inzwischen den Gipfel ihrer Popularität erreicht hat, im Ausland nahezu ignoriert werde. Schuld daran seien die internationalen Plattenfirmen, die in Europa und den USA vor allem auf traditionelle kubanische Musik setzten.

So ist die in unseren Breiten viel gerühmte Renaissance des Son eher eine Ausgeburt multinationalen Marketings. In Havanna munkelt man, dass der internationale Erfolg der alten Musiker den kubanischen Kulturverantwortlichen ganz gelegen komme – um einen Vorwand zu finden, gegen den rebellischen Hedonismus auf den eigenen Straßen vorzugehen. ror

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