Welt : Die Reifeprüfung

Paul Simon und Art Garfunkel probieren es noch einmal miteinander und starten eine große Tour – bisher nur durch die USA

Andreas Grosse

Es war eine kalte Nacht im Februar dieses Jahres, in der Zwei sich versöhnten, die doch eigentlich nie wieder etwa miteinander zu tun haben wollten. Die Grammy Awards, die Verleihungszeremonie des weltweit bedeutendsten Musikpreises, hatten nach Jahren des Herumreisens durch die USA wieder nach New York zurückgefunden, in das Herz und das geschäftliche Hirn der amerikanischen Popindustrie. Den Abend im Madison Square Garden eröffneten dementsprechend symbolisch zwei Erz-New-Yorker: Paul Simon und Art Garfunkel, die einen Ehrenpreis erhielten und zum Dank dafür eine etwas gequälte Version von „The Sound Of Silence“ darbrachten.

Kommt ein neues Album?

Im Jahr 1993 hatten sie zum letzten Mal gemeinsam auf einer Bühne gestanden, und schon diesem letzten Zusammentreffen war eine endlose Folge von Streitigkeiten des Duos vorausgegangen, die stets nur für kurze Phasen öffentlichkeitswirksamer Versöhnung unterbrochen worden waren: So etwa im September 1981, als eine halbe Million Menschen zu ihrem Konzert im Central Park kam, sich Simon und Garfunkel aber während der darauffolgenden Welttournee wieder heillos zerstritten.

Doch in dieser Grammy-Nacht im Frühjahr, so heißt es jetzt, fassten die beiden den Plan, es wieder miteinander zu versuchen. Im Herbst, ließen Simon und Garfunkel nun bekannt geben, werden sie eine große Reihe von Konzerten in den USA spielen; ob es eine Europa-Tournee oder gar eine neue gemeinsame Platte geben wird, blieb einstweilen offen. Die Grammy-Veranstalter hatten im Februar ja auch wirklich nichts unversucht gelassen, um die ewigen Streithähne so nostalgisch wie versöhnlich zu stimmen: Gleich nach ihnen betrat Dustin Hoffman die Bühne, der einstige Hauptdarsteller von „Die Reifeprüfung“ – der Soundtrack zu dem Film hatte Simon & Garfunkel Ende der 60er Jahre endgültig zu Weltstars gemacht. Und schon zwei Tage nach ihrem glamourösen Auftritt im Madison Square Garden, als Art Garfunkel eine äußerst unglamouröse Solo-Tournee durch mittelgroße Hallen mittelgroßer deutscher Städte in Bonn begann, hatte es erste Indizien für ein anstehendes gemeinsames Comeback gegeben: Er habe sich in New York ausnehmend gut mit Paul Simon verstanden, hatte Garfunkel da gesagt.

Angefangen hat die Geschichte dieses vielleicht berühmtesten „odd couple“ der Popgeschichte vor genau fünfzig Jahren: Da lernten sich Paul und Arthur, genannt Art, auf der Forest Hills High School in Queens kennen. Dass Paul Simon und Art Garfunkel eigentlich untrennbar miteinander verbunden sind, ließe sich schon auf Grund einer gemeinsamen Unklarheit behaupten: Bei beiden sind sich die Chronisten nicht letztgültig einig, ob sie nun Jahrgang 1941 oder 1942 sind.

Kennen gelernt haben sich die Zwei unzweifelhaft in Garfunkels Geburtsort, dem New Yorker Stadtteil Queens, wohin die Eltern des ursprünglich aus New Jersey stammenden Simon in den 40er Jahren gezogen waren. Die erste Begegnung von Simon und Garfunkel 1953 auf der High School war bei Proben zu einer Schulaufführung von „Alice im Wunderland“. Gerade mal 15-jährig hatten die beiden 1957 unter dem Duo-Namen „Tom & Jerry“ bereits ihren ersten Hit: „Hey Schoolgirl“ stieg bis auf Platz 49 in den US-Charts.

Nach Beendigung der High School folgte 1959 die erste von zahllosen Trennungen, vier Jahre später erst taten sie sich, dann unter ihren eigenen Namen, wieder zusammen. Mit dem zweiten Album „The Sounds Of Silence“ schaffte das Folk-Duo 1966 seinen endgültigen Durchbruch – um bereits vier Jahre später, nach einer so kurzen wie beeindruckenden Reihe unsterblicher Songs wie „Mrs. Robinson“, „Bridge Over Troubled Water“ oder „The Boxer“ ihre Zusammenarbeit zu beenden. Zwar gab es in der Folge immer mal wieder einzelne gemeinsame Auftritte und Musikaufnahmen, doch lediglich eine einzige Single – „A Heart In New York“ von 1981 – wurde seither offiziell unter dem Namen Simon & Garfunkel veröffentlicht.

Die Gründe für die endlosen Zankereien der beiden variierten, mal ging es um künstlerische Differenzen, mal ums schnöde Geld.

Vor allem aber hatte ihre Streitlust wohl mit allzu menschlichen Problemen zu tun: Da war einerseits Paul Simon, der musikalische Kopf und Songschreiber des Duos, von kleiner Statur und wenig Aufsehen erregendem Äußeren, dessen vokales Können überschaubar war; und andererseits der stattlichere und blendend ausschauende Art Garfunkel, der mit einer glockenhellen Stimme gesegnet war, für die man eigens den Begriff „Counter-Tenor“ im Pop einführte – der aber erst in den letzten Jahren begann, eigene Liedtexte zu schreiben, nach wie vor aber keine Musik komponiert.

Perfekt ergänzt

So perfekt die beiden sich auf den ersten Blick ergänzten, waren ihre unterschiedlichen Talente offenkundig doch immer Quell für Zwistigkeiten. Garfunkel blieb in diesem schwierigen Verhältnis stets derjenige, der abhängig war von dem kreativen Input anderer, was ihm bei seinen Solo-Bemühungen kein allzu großes Glück bescherte; ihm blieb nichts anderes übrig, als auf Konzerten weiter die alten Lieder seines ehemaligen Partners Simon zu singen. Der hingegen feierte mit „Graceland“ (1986) und „The Rhythm Of The Saints“ (1990) weiter Welterfolge.

Warum es die beiden nun wieder miteinander versuchen wollen, haben sie bislang nicht verraten – musikalisch aber könnte diese Reunion zu spät kommen: Als Art Garfunkel zuletzt durch Deutschland tourte, da hörte sich seine Stimme längst nicht mehr so hell und klar an wie einst. Sie klang sehr, sehr alt.

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