Die Reportage : Der Heilige Krieg der Leila Bah

Sie lebt in Hamburg, sorglos, bewundert von ihren Mitschülern. Leila ist hübsch, ehrgeizig, talentiert. Eines Tages steigt sie in ein Flugzeug und folgt dem Ruf Allahs in die Wüste Pakistans. Zurück bleibt ein Rätsel.

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Es sind Bilder, die Johanna* nicht vergessen kann. Leila* mit dem fremden jungen Mann an der Bar, wie sie lacht, den Kopf in den Nacken wirft, ihre Ohrringe im Discolicht glitzern. Leila mit dem Mann auf der Tanzfläche, sichtbar ausgelassen und gleichzeitig von einer Eleganz, die nicht ganz passen will zu den rauen Klängen des Hip-Hops. Johanna weiß, dass es sinnlos ist, sich Vorwürfe zu machen, sich schuldig zu fühlen. Sie tut es trotzdem. Hätte sie Leila nicht mitgenommen zu dieser Party, sie lägen jetzt vielleicht zusammen auf einer der Alsterwiesen. Stattdessen sitzt Leila irgendwo in der Wüste Wasiristans, einer pakistanischen Bergregion an der Grenze zu Afghanistan, in einem Terroristenlager. Der Mann ist tot.

Die Geschichte von Leila Bah ist auch die Geschichte einer großen Fassungslosigkeit. Begreifen können sie es bis heute nicht, die Angehörigen und Freunde, was geschehen ist seit jener Disco-Begegnung im Jahr 2003. Niemals hätten sie gedacht, „dass es so enden könnte“, sagt Johanna, dann hält sie inne. „Das heißt, geendet hat es natürlich noch nicht.“ Es ist alles, woran sie sich klammert in ihrem Kummer: Irgendwann, hofft Johanna, wird sie Leila wiedersehen. Leila, die ihre beste Freundin war, ihre Seelenverwandte. Leila, zu der sie immer aufgesehen hat. Bis die sie nicht mehr sehen wollte.

14 Jahre alt sind Johanna und Leila, als sie zum ersten Mal miteinander sprechen und feststellen, dass sie sich eine Menge zu sagen haben. 21, als Leila in ein Flugzeug Richtung Saudi-Arabien steigt, um ihr Leben in Deutschland hinter sich zu lassen. Das ist jetzt zwei Jahre her.

In Youtube-Videos wirbt der Mann, den Leila in der Disco traf, für den Heiligen Krieg. Unter dem Namen „Abu Askar aus Deutschland“ preist er die „Vorzüge des Dschihads“, spricht vom gottgläubigen Leben, von Freiheit und Brüderlichkeit, ein riesiges Messer in der Hand, ein Maschinengewehr im Schoß. „Wir haben Deutschland und unsere Familien nur verlassen, um die Religion zum Sieg zu führen“, sagt er. Es folgen Impressionen aus den Lagern: Männer springen gut gelaunt und schwer gerüstet von Trucks, singen Lieder am Feuer, bilden kleine Jungen an der Waffe aus. Szenen zwischen Pfadfinderatmosphäre und Landserromantik.

Johanna weint viel an diesem sonnigen Nachmittag in Hamburg, an dem sie zum ersten Mal über das Erlebte spricht. Aber sie lacht auch, zum Beispiel, weil ihr, als sie die vielen Gemeinsamkeiten zwischen ihr und Leila aufzählt, zuerst die Tierhaarallergie einfällt. Dann die Begeisterung für Mode, die Ordnungsliebe. Und, dass beide sich früh erwachsen fühlten, ihrem Alter stets ein wenig voraus. Das verband. Genau wie ihre Gespräche auf den Nachtspeicherheizungen. Stundenlang saßen sie redend nebeneinander, mal im Zimmer der einen, mal in dem der anderen. Momente großer Nähe.

Das Viertel, in dem Leila Bah aufwächst, gehört zu den besseren Wohngegenden Hamburgs. Weiße Altbauten wechseln mit roten Backsteinfassaden, zu Fuß ist man schnell an der Außenalster. Zwischen liebevoll gestalteten Balkonen und belebten Spielplätzen geht Leila in den Kindergarten, zur Grundschule, aufs Gymnasium. Ihre Mutter ist Deutsche, der Vater stammt aus Westafrika. Leila ist bildhübsch, mit milchkaffeebrauner Haut und hochgewachsener Figur. Sie ist so groß, dass sie auf den Klassenfotos immer in die hinterste Reihe gestellt wird. Dass es Leila wichtig war, gut aufgenommen zu werden, sagt ihre erste Klassen- und Englischlehrerin an der Oberschule, als sie diese Fotos betrachtet: „She was eager to please“, bemüht, zu gefallen. Und dass Leila einen guten Stand in der Klasse hatte, ihrer „hohen Sozialkompetenz“ wegen.

Denn Leila ist eine, die sich kümmert, die vermittelt. Immer ist sie mittendrin, aber nie dominant. Sie spielt in Theatergruppen und brilliert im Jazztanzkreis, wird von vielen bewundert. Als Schülerin ist sie zielstrebig, aber keine Streberin. Sorglos wirkt diese Schulzeit im Rückblick, mit Klassenreisen nach Sylt und ins nordrhein-westfälische Bad Honnef. Ein großes Thema an der Schule sind die Anschläge des 11. September 2001. Es gibt kollektive Schweigeminuten in der Aula und ein Kondolenzbuch, in das auch Leila ihren Namen schreibt.

„All diese Männer waren Gotteskrieger“, heißt es Jahre später in einer der Videobotschaften ihres Freundes über die Flugzeugattentäter. „Möge Allah mit ihnen barmherzig sein.“

„Stark“ ist der Begriff, der am häufigsten fällt, wenn die Menschen sich an Leila erinnern. Selbstbewusst und in sich ruhend wirkt Leila auf ihr Umfeld, und aus Sicht der meisten hat sie allen Grund dazu. Sie bekommt Angebote, von denen andere träumen: Kaum ein Strandbarbesuch, bei dem sie nicht angesprochen wird, ob sie modeln wolle. Ein paarmal lässt sie sich für Versandkataloge fotografieren, verliert jedoch schnell die Lust daran. Leila und Johanna sind Teil einer achtköpfigen Mädchenclique, die gemeinsam abhängt, von Jungs schwärmt, Kochabende veranstaltet und shoppen geht.

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