Welt : Die rosa Gefahr

Army ist out: Ein Hotel im warmen Köln wurde der Bundeswehr zu heiß – was ist denn da los?

Christian Wiermer[Köln]

„Dann solln se halt wechbleiben“, sagt „der Gerd“ und streift sich hektisch mit drei Fingern durch den Vollbart. Eigentlich hat er gute Laune. Gerade hat Michael Schumacher den dritten Sieg in Folge eingefahren und in Köln wächst die Hoffnung, dass der FC den Wiederaufstieg auch ohne Lukas Podolski schafft. Schumi, FC – das ist Gerds Welt. Er ist 53, schraubt bei einem Ford-Zulieferer. Tagsüber. Abends ist er in der Altstadt unterwegs, rund um den Waidmarkt, trinkt sein Kölsch im Zipp’s an der Hohen Pforte oder schaut anderen Vollbartträgern beim Bondage-Sex im „Chains“ zu. Manchmal macht er auch mit. Der Gerd ist schwul und will „bitte, bitte“ einfach nur „der Gerd“ genannt werden. Wenn man ihn mit seinem tiefrheinischen Dialekt wörtlich nehmen würde, müsste man ihn „denn Jäährt“ nennen.

Der Gerd ist jetzt sauer. Er ist es satt. Immer dasselbe Thema, seit über einer Woche. „Dann solln se halt wechbleiben“, sagt er, „dann solln ses halt. Oder etwa nich?!“ Die Bundeswehr hat das benachbarte Hotel „Heinzelmännchen“ von ihrer Buchungsliste gestrichen. Soldaten im Leder-Viertel, olivfarbene Autos mit Y-Kennzeichen vor dem „Gaywatch“- Kino oder dem „Secrets“, wo „Gladiator-Röcke aus Leder" (169 Euro) oder ein „Strafbock“ für 298 Euro (Second Hand) angeboten werden – das geht nicht.

Also sollen nach Weisung des Verteidigungsministeriums in Zukunft keine Bundeswehrangehörigen mehr im „Heinzelmännchen“ schlafen. Auch im Nachbarhotel „Ariane“ hat man längst registriert, dass das Ministerium nicht mehr bucht. „Wir warten noch auf eine Stellungnahme“, heißt es in der schlichten, aber herzlichen Unterkunft, die in internationalen Schwulenführern als „gay- friendly“ bezeichnet wird.

Dass die Bundeswehr keine Soldaten mehr im „Heinzelmännchen“ einquartiert, war zunächst damit begründet worden, dass „Dienstreisende der Bundeswehr sich über die Unterbringung beschwert hatten, weil es ihnen unangenehm war, wegen mangelnder Parkplätze vor dem Hotel in Uniform an diversen Sexshops und Homosexuellenbars vorbeizugehen“. Nach Protesten von Schwulenorganisationen hatte Friedbert Pflüger, Staatssekretär im Verteidigungsministerium und CDU-Spitzenkandidat für die Abgeordnetenhauswahlen in Berlin, auch im Hinblick auf das neue Gleichbehandlungsgesetzt deutlich gemacht, dass „die Diskriminierung sexueller Orientierungen nicht akzeptiert werden kann“.

Zwar soll das Hotel weiter nicht in der Buchungsliste erscheinen, aber die Streichung soll nun anders begründet werden. Da sich zwei Sexshops in Hotelnähe befänden, bestehe der Verdacht, dass „in dessen Umgebung Anbahnungsversuche, Drogenhandel und Begleitkriminalität anzutreffen sein könnten“, heißt es jetzt.

Die Kölner Polizei sagt, von einem Rotlichtmilieu dieser Art sei man weit entfernt. „Da ist es doch sehr ruhig“, meint Polizeisprecher Jürgen Göbel. Junge Stricher, Bordelle, Verrichtungsboxen, bezahlten Sex gibt es auch in Köln – nur nicht rund ums „Heinzelmännchen“. Hier kommt des Nachts ein Teil der Schwulenszene vorbei. Das ist alles. Aber die Gegend rundherum ist der Bundeswehr aus einem völlig anderen Grund ungut in Erinnerung: Nur dreißig Meter vom „Heinzelmännchen“ entfernt stand einst das „Café Wüsten“, beliebter Treffpunkt der Schwulenszene und Auslöser eines der größten Skandale der Bonner Republik: Im „Wüsten“, so wurde damals behauptet, sei der Vier-Sterne-General Günter Kießling Anfang der Achtziger Stammgast gewesen – als „der Günter von der Bundeswehr“.

Verteidigungsminister Manfred Wörner versetzte den General 1983 vorzeitig in den Ruhestand, musste ihn aber mit einer Ehrenerklärung rehabilitieren, wieder einstellen und später mit allen militärischen Ehren verabschieden. Denn die angeblichen „Erkenntnisse“ des Militärischen Abschirmdienstes (MAD), Kießling sei erpressbar, konnten nicht belegt werden und es tauchte ein Doppelgänger des Generals auf. Wörner musste seinen Rücktritt anbieten, sein Staatssekretär Hiehle wurde in den Ruhestand versetzt und der Bundestag setzte einen Untersuchungsausschuss ein, der „zum Tribunal über die Praktiken des MAD“ geriet, wie das Munzinger-Archiv schreibt. „Lieber einen kalten Riesling als einen warmen Kießling“ lautet noch heute ein geflügelter Spruch in der Kölner Altstadt, der aber selten Lacher findet.

Hier erinnert man sich lieber an die große Trude Herr („Ich will keine Schokolade, ich will lieber einen Mann“), die gegenüber dem „Heinzelmännchen“ von 1950 bis 1953 als Bardame im „Barberina“ arbeitete – wie sie zu sagen pflegte „eine Gaststätte für wohltemperierte Leute.“ Oder man schmunzelt über den Sturz des Kölner CDU-Regierungspräsidenten Franz Grobben: Der wurde am 8. Juni 1966, gegen 22 Uhr 45 bei einer Polizeirazzia auf einer als Schwulentreff einschlägig bekannten öffentlichen Toilette erwischt – direkt vor dem damaligen Polizeipräsidium am Waidmarkt.

Heute ist das Viertel so bekannt wie unauffällig. Ein Abstecher ins „Chains“: Auf dem Programm steht „Cruising Night“. Was das ist, erklärt der Jens: „Du läuft herum und wenn du Bock auf Sex hast, sprichst du einen an. Dahinten haben wir ’nen Darkroom. Die Kabinen kann man auch zumachen. Schau’s dir doch mal an. Keine Angst, es wird dich schon keiner anfallen.“ Seit acht Jahren ist der Jens Wirt vom „Chains“. Mit offenem Jeanshemd, Glatze, Bart und Lederarmband steht er hinter einer mit Ketten verhangenen Theke. „Hier geht alles“, sagt er mit einer kieksigen Stimme, deren fränkische Herkunft deutlich zu hören ist. „Leder, Unterhosen, Turnschuhe, Windeln – jeder Fetisch.“ Was ist mit Uniformen? „Ach was. Das war mal. Army ist out.“

Als nach dem Gerd jetzt auch der Jens erzählt, dass man das „Cox“ mal gesehen haben müsste, wo so viele „Bärchen“ seien, wird der Besuch zur Pflicht. Schnell wird hier auch dem Hetero klar, was denn eigentlich Bärchen sind: Viele Haare, und zwar nicht nur im Gesicht, Bierbauch durchaus erwünscht. „Köln ist die Hauptstadt der Bärchen“, erzählt der Gerd, der selbst ein Parade-Bärchen ist. In der Ecke am Tresen trinkt er den Angaben auf dem Bierdeckel zufolge sein achtes Kölsch. Die Laune ist schon wieder besser. Aber eins will er dann doch noch loswerden zum Thema Bundeswehr: „Isch war ja selbst dort, elf Jahre, fast alle Dienstgrade, viele Schwule. Ne schöne Zeit.“ Ach, so ist das also mit „dem Gerd“, dem Gerd von der Bundeswehr.

Der Jens überlegt noch, ob er verraten soll, was übermorgen in der Zeitung stehen könnte. „Na gut“, beginnt er: „Die sind doch auch hierhergekommen.“ Wer denn? „Na die Jungs vom Hotel, immer in Zivil.“ Also waren auch Bundeswehrleute hier? „Ach, mein Göttchen. Jede Menge!“

Aber jetzt ist Army eben out.

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