Welt : Die Rückkehr

Sibel Kekilli hat ihre Porno-Vergangenheit nicht geschadet. Jetzt gibt es zwei neue ernste Filme mit ihr

Daniela Sannwald

Sibel Kekilli ist eine schmale, kleine Frau – so schmal, dass sie in „Der letzte Zug“, einem ihrer beiden neuen Filme, durch ein Loch im Boden eines Viehwaggons passt. Dieses Loch haben ihr Freund und andere Männer gesägt, der Zug fährt nach Auschwitz, und Sibel Kekilli spielt die Jüdin Ruth Zilbermann. Sie ist eine von 688 Juden, die im Jahr 1943 ihrem Tod entgegenfahren, nur sie und ein kleines Mädchen passen durch die Lücke. Um sie zu vergrößern, ist die Zeit zu kurz. Ruth Zilbermann muss sich von ihrem Verlobten trennen, das kleine Mädchen von seinen Eltern. Nach Tagen ohne Wasser und Brot, verdreckt, verklebt, bleich und schmutzig, entkommen die beiden in ein ungewisses Schicksal. Ruth Zilbermann hat sich vom Entsetzen der Zugfahrt nicht lähmen, vom sie umgebenden Leiden nicht anstecken lassen. Sie ist eine körperlich fragile, aber ausgesprochen mutige Frau.

In „Winterreise“, ihrem zweiten neuen Film, muss Sibel Kekilli auch mutig sein. Da wirkt sie an der Seite des bulligen Kollegen Sepp Bierbichler womöglich noch schmaler als sonst. Bierbichler spielt einen bankrotten, depressiven Unternehmer, der in ein zweifelhaftes Geschäft in Kenia investiert, das eine hohe Provision verspricht. Als die nicht eintrifft, reist er mit der Kurdin Leyla, seiner Englisch-Übersetzerin, nach Nairobi, um sein Geld zurückzuholen. Leyla wird seine Vertraute, eine zurückhaltende Begleiterin, die begreift, dass sie ihn loslassen muss, um ihn zu retten.

Sibel Kekilli wurde 1980 als Tochter türkischer Einwanderer in Heilbronn geboren und arbeitete nach dem Realschulabschluss als Verwaltungsangestellte im Rathaus. Nebenbei drehte sie Pornofilme. Als ihr beides zu langweilig wurde, zog sie nach Essen und jobbte: als Verkäuferin, Kellnerin, auch als Fotomodell. Beim Einkaufen wurde sie von einer Casting-Agentin angesprochen und schließlich für „Gegen die Wand“ engagiert. Von dessen Regisseur Fatih Akin hatte sie bis dahin noch nichts gehört, aber zusammen mit ihm und ihrem Filmpartner Birol Ünel feierte sie Triumphe: Nicht nur die gewaltige, melodramatische Liebes- und Ehegeschichte zweier von selbstzerstörerischen Kräften getriebenen Menschen wurde mit Preisen im In- und Ausland geradezu überhäuft – unter anderem mit dem Goldenen Bären auf der Berlinale 2004 –, auch Sibel Kekilli wurde für ihre erste Spielfilmrolle mehrfach als beste Schauspielerin ausgezeichnet, so mit dem Europäischen Filmpreis.

Nach ihrem Goldenen Bären zogen „Bild“ und andere Boulevardmedien genüsslich über ihre Vergangenheit als Porno-Darstellerin her. Sibel Kekilli wurde durch die Schmuddelkampagne noch bekannter, und „Gegen die Wand“ zählte – auch wegen ihr – zu den größten Publikumserfolgen des Jahres 2004. Ihre Dankesrede zur Verleihung des Bambis als beste Nachwuchsdarstellerin nutzte sie für eine bittere Anklage der Boulevardmedien und brach anschließend in Tränen aus (Foto).

Im September, beim 43. Golden Orange Festival in Antalya, bei dem die höchsten türkischen Filmpreise vergeben werden, hat Sibel Kekilli schon wieder den Preis als beste Darstellerin gewonnen, schon wieder mit etwas, das neu für sie war: In „Eve Dönüs“ („Die Rückkehr nach Hause“) spielte die Türkischstämmige zum ersten Mal in einem türkischen Film. Als Ehefrau eines kurz nach dem Militärputsch im September 1980 irrtümlich inhaftierten und über Wochen schwer gefolterten Mannes kämpft sie zunächst für dessen Freilassung, und als der gebrochen und schwer traumatisiert zurückkommt, muss sie verstehen, dass er nie mehr derselbe sein wird und ihn loslassen. In diesem wie in ihren anderen beiden neuen Filmen spricht sie kaum, scheint mitunter ganz auf ihr Inneres konzentriert zu sein und einfach Kräfte zu sammeln. Dann schaut sie auch nach innen, scheint ganz zu vergessen, dass die Welt um sie herum sich weiterdreht.

Ihre schwäbische Heimat hat erstaunlicherweise auf ihr Deutsch nicht abgefärbt. Sie ist zwar zweisprachig aufgewachsen, spricht aber Türkisch nicht ganz fließend, mit leichtem deutschen Akzent. Trotzdem und vielleicht gerade deshalb wurde sie in Antalya mit brausendem Applaus bedacht, wie eine, die nach Hause zurückgekehrt ist.

„Der letzte Zug“ startet am Donnerstag im Kino, „Winterreise“ am 23. November

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