Die Sammlung der Wismut : Umstrittene Kunst aus dem "Staat im Staate" der DDR

Die SDAG Wismut war in der DDR ein „Staat im Staate“ – mit eigener Kunstsammlung. Die erregt jetzt Aufsehen. Die Neue Sächsische Galerie in Chemnitz zeigt eine Auswahl der Bilder.

Ulrike Uhlig
"Schicht im Schacht" ist noch bis Ende Januar 2014 in der Neuen Sächsischen Galerie in Chemnitz zu sehen.
"Schicht im Schacht" ist noch bis Ende Januar 2014 in der Neuen Sächsischen Galerie in Chemnitz zu sehen.Foto: dpa

Ist das Kunst? Oder kann das weg? Zwei Dinge lassen sich schon jetzt sagen über die Ausstellung „Schicht im Schacht“ in Chemnitz. Die Schau mit Bildern aus dem Bestand des größten Kombinates der DDR, der Wismut, ist umstritten. Und sie wird, das erwarten jedenfalls die Macher von der Neuen Sächsischen Galerie, die am besten besuchte seit zehn Jahren sein. Wobei das zweite mit dem ersten wohl in einem engem Zusammenhang steht.

Chemnitz jedenfalls freut sich seit gut zwei Monaten, dass es mit einer Ausstellung nicht nur die alten Bergbau-Kumpel anrührt, sondern auch Studenten anlockt. Es kommen Menschen nicht nur aus der Stadt und dem nahen Erzgebirge, sondern Leute aus ganz Deutschland, sogar, wie es heißt, „sogar kunstverwöhnte Berliner“. Zu sehen gibt es Haldenlandschaften, Fördertürme, Schächte. Und immer wieder Bergarbeiter, ein Brigadier, ein Steiger, Lehrlinge, eine Fördermaschinistin, ein junger Bohrarbeiter, ein Hauer, eine ganze Brigade. Die Bilder der Ausstellung erzählen Geschichten, manche schöngefärbt, Propaganda-Kunst. Andere sind durchaus kritisch, einige künstlerisch sehr beeindruckend. Es sind Bilder eines ganz besonderen DDR-Unternehmens.

Die Wismut war ein „Staat im Staate“, mit einer spannenden und wechselvollen Geschichte. Bereits ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde im Erzgebirge, anfangs unter strenger Geheimhaltung und teilweise katastrophalen Arbeitsbedingungen, Uran abgebaut. Die Sowjetunion deckte 60 Prozent ihres Bedarfs vor allem aus den Schächten in Sachsen und Thüringen. In den 50er Jahren arbeiteten bis zu 180 000 Menschen in der Wismut. Dort dabei zu sein war etwas Besonderes: Rasch entstanden Wohnsiedlungen, Sanatorien, Ferienheime, Kaufhäuser mit speziellem Angebot. Die Bergleute verdienten sehr gut, bekamen extra Lebensmittelrationen, zwei Liter Trinkbranntwein im Monat auf Bezugsschein, später manche Lungenkrebs oder Silikose. Die Sowjetisch-Deutsche Aktiengesellschaft Wismut wurde zum drittgrößten Uranproduzenten der Welt.

Auch die Seereederei Rostock und die Leunawerke hatten Kunstsammlungen

Und: Das Unternehmen begann eine Kunstsammlung aufzubauen. Nichts Ungewöhnliches in der DDR, auch die Seereederei Rostock, die Leunawerke oder das Edelstahlwerk Freital, um nur einige zu nennen, besaßen Kunstsammlungen. Ungewöhnlich bei der Wismut der Umfang: 4209 Werke von 450 Künstlern gehörten zum Fundus. Die derzeitige Ausstellung, gemeinsam organisiert von der Neuen Sächsischen Galerie und dem Dresdner Institut für Kulturstudien, stellt 120 Arbeiten daraus vor. Früher hingen die Bilder in Werkskantinen, Ferienheimen, Kulturhäusern, Bibliotheken.

Jetzt in der Chemnitzer Ausstellung rufen sie die unterschiedlichsten Reaktionen hervor. „Weißt du noch, erinnerst du dich?“ Ein Ehepaar aus Annaberg glaubt das großformatige „Brigade Rose“ vor vielen Jahren auf einer Kunstausstellung in Dresden gesehen zu haben. Werner Petzold, ein Absolvent der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig und Meisterschüler Heisigs, hat es 1970 gemalt.

Fast die Hälfte aller Arbeiten sind Auftragswerke

Ein Auftragswerk, wie die Hälfte aller Werke der Sammlung. Sieben Männer, alle breitschultrig, muskulös, mit schönen kräftigen Händen, mit derben Stiefeln stehen oder sitzen nah beieinander. Sie lachen, machen sich Notizen, erklären etwas, denken nach, sind aufeinander bezogen – ein Kollektiv eben. Ein wenig ist die Gruppe aus der Bildmitte gerückt, damit die Komposition Spannung bekommt. Der, der einen Plan zu erläutern scheint, tritt etwas nach vorn, ist hell angestrahlt, scheint auf den Betrachter zugehen zu wollen. Werbend ist seine Handbewegung, einladend.

Werner Petzold restauriert sein Bild "Brigade Rose"
Werner Petzold restauriert sein Bild "Brigade Rose"Foto: dpa

Im Hintergrund Förderanlagen, ein Atommodell, ein Formeln entwickelnder Wissenschaftler, eine Laborantin, ein Abraumkegel und ganz links fast unscheinbar drei Bergleute im Stollen, mit einem riesigen Bohrer stemmen sie sich gegen das Gestein. In einem Vertrag zwischen Künstler und SDAG Wismut heißt es: „Die Aussagekraft muss die Bewusstheit über den Wachstumsprozess unserer Menschen und das Wachsen der DDR widerspiegeln.“

Manche Bilder zeigen ödes, abgeholztes Land

Schräg gegenüber von der „Brigade Rose“ hängt das um vieles kleinere, 1985 entstandene „Im Förderkorb“ von Reinhard Minkewitz. Zwischen beiden Bildern liegen 15 Jahre und der Untergang einer sozialistischen Utopie. Die leuchtenden Komplementärkontraste sind einer fahlen, giftigen Farbigkeit gewichen. Der Raum des Förderkorbes klaustrophobisch eng. Die drei behelmten Figuren eingepfercht, zusammengedrängt und doch voneinander isoliert. Der Kopf des linken Bergarbeiters müde oder mutlos gesenkt, das Gesicht verborgen. Der rechte Mann wendet sich zwar dem mittleren zu, aber die ganze Körpersprache verrät Abwehr, Distanz. Eine Atmosphäre des Belauerns, der Entfremdung.

Es ist nicht das einzige Werk, das kritisch mit der vorgefundenen Realität des Wismut-Alltags umgeht. Auch bei vielen Landschaftsbildern, 400 gehören zum Bestand, legen Maler wie Alexandra Müller-Jontschewa, Axel Wunsch oder Hans Wolfgang Siebenbruck den Finger in die Wunde, zeigen ödes, abgeholztes Land, riesige Abraumkegel. Surreal muten die Orte bei Schlema, Ronneburg oder Schmirchau an, sie sind zu Mondlandschaften geworden. „Man muss sich selber ein Urteil bilden“, meint Eckart Gillen, der sich seit Jahren mit ostdeutscher Kunst beschäftigt. Voraussetzung dafür ist, dass die Sammlung zusammenbleibt – und immer wieder Werke daraus öffentlich gezeigt werden.

Noch bis Ende Januar, verlängert wegen der großen Resonanz, ist die Schau in Chemnitz zu sehen. Museumschef Mathias Lindner ist es zumindest gelungen, mit Kunst zu provozieren. Er grinst ein bisschen frech. Und sagt: „Die Ausstellung kommt sehr gut an.“

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