Welt : Die Schmutzigen Hände

Wie Singapur mit Prügelstrafen Verbrecher abschrecken will

Moritz Kleine-Brockhoff[Singapur]

Moritz Kleine-Brockhoff,

Singapur

Im Prügelzimmer von Singapurs ChangiGefängnis steht ein gut zwei Meter hohes Holzgestell; es sieht aus wie eine aufgestellte Klappleiter. Nur da, wo eine Klappleiter viele Sprossen hat, sind bei dem Prügelgestell nur wenige Querverstrebungen. Der Häftling, bis auf einen Genitalien- und Nierenschutz nackt, steigt auf einen Absatz, wo zwei Lederschlaufen an Ketten baumeln, die im Holz verankert sind. Gefängniswärter fesseln die Fußgelenke. Dann beugt der Gefangene seinen Oberkörper nach vorne, die Hüfte lehnt jetzt an einer Querverstrebung. Auch seine Arme werden gefesselt – der Gefangene ist eingespannt. Der Schläger hält einen langen Rohrstock. „Nicht mehr als 1,27 Zentimeter Durchmesser“ darf der Stock haben, so steht es im Kriminalgesetzbuch von Singapur, wo alles seine Ordnung hat. Jugendliche sind mit einem „leichten“ Rattanstock zu schlagen. Der Gefängnisbeamte prügelt nicht einfach los: Jeder Schlag soll gleich sein – so hart wie möglich. Er schreit „Eins!“ und malt zum Schwungholen mit eine waagerechte Acht in die Luft. Für einen Moment sieht er aus wie ein Tennisspieler vor dem Aufschlag. Und dann schlägt er zu. „Zwei!“ brüllt er, „Drei!, Vier!, Fünf!, Sechs!“.

Die Szene stammt aus einem Video, das Singapurs „Nationaler Rat für Verbrechensverhinderung“ (NCPC) veröffentlicht hat, eine staatliche Behörde, die dem Innenministerium untersteht. Der unter anderem im Changi-Gefängnis gedrehte Kurzfilm zeige den Häftlingsalltag, laut NCPC von Schauspielern „so realistisch wie möglich“ dargestellt. Die Prügelstrafe und das Video sollen Jugendliche davon abhalten, Verbrechen zu begehen, es wurde an Singapurs Schulen verteilt und ist im Internet abrufbar.

Nicht nur Sexualverbrecher und Drogenhändler, die wegen besonderer Umstände der Todesstrafe entkommen sind, erhalten in Singapur Stockhiebe. Oft ordnen Richter auch bei kleineren Delikten wie Sachbeschädigung oder Einreisevergehen Prügel an. „Gut möglich, dass bei uns durchschnittlich jeden zweiten Tag die Prügelstrafe vollstreckt wird“, sagt Subhas Anandan, Singapurs prominentester Anwalt. Anandan war oft dabei, wenn im Changi-Gefängnis geschlagen wurde. Er erzählt, was auf dem Video nicht zu sehen ist: „Der Stock landet auf dem nackten Po. Dort ist die Haut durch die Körperhaltung stark gespannt, sie platzt bei den meisten Hieben auf. Lebenslang bleiben Narben, körperliche und seelische. Ein Arzt ist dabei, er stoppt das Schlagen, wenn der Häftling zu stark blutet oder in Ohnmacht fällt. Das passiert ganz oft.“ Bei Abbruch dürfen die noch ausstehenden Schläge nicht nachgeholt werden. Männer über 50 werden nicht geschlagen.

„Nach Stockhieben können Häftlinge lange nicht normal gehen, sie schleichen nur noch“, sagt ein anderer Augenzeuge, „jeder Hieb hinterlässt grausame Wunden, trotz Desinfektion entzünden sie sich oft. Dann können die Häftlinge wochenlang nur auf dem Bauch schlafen.“ Dennoch ist Staranwalt Anandan für die Prügelstrafe: „Was sollen wir mit Vergewaltigern machen? Sie müssen geschlagen werden. Das ist in gewisser Weise schlimmer als die Todesstrafe. Auf die kann man sich einstellen, sie wird hier zügig vollstreckt, dann ist es vorbei. Nach Schlägen leidet man den Rest seines Lebens, das weiß jeder. Die Prügelstrafe ist die einzig wirksame Abschreckung.“ Zur internationalen Kritik an den Stockhieben sagt er: „Im Westen sind die Leute zu weich.“

Viele Singapurer denken ähnlich. In der Familie ist Prügel – allerdings weniger brutale – weit verbreitet. Staatschef und Nationalheld Lee Kuan Yew war nach dreimaligem Zuspätkommen von seinem Schuldirektor geschlagen worden. „Fair“ sei der Direktor gewesen, schreibt Lee in seinen Memoiren:

Seit dem 19. Jahrhundert, als die Briten in Singapur das Sagen hatten, wird in dem kleinen Stadtstaat in Südostasien systematisch geprügelt. Allerdings scheinen sich manche langsam zu fragen, ob das staatliche Schlagen etwas bringt. „Wenn die ständigen Hiebe, die vielen Todesurteile und die anderen harten Strafen so abschreckend wären, dürfe es bei uns eigentlich keine Vergehen mehr geben“, meint ein Gerichtsreporter, „aber davon kann keine Rede sein. Die Gerichte sind völlig überlastet.“ Nach einer britischen Studie sitzen 0,36 Prozent der Bevölkerung im Knast – doppelt so viele wie im ähnlich dicht bevölkerten Hongkong, drei Mal so viele wie im Nachbarland Malaysia und vier Mal so viele wie in Frankreich.

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