Welt : Die Schuldfrage ist nicht einfach zu klären

Ermittlungen und Anklage gegen Paparazzi / Chauffeur soll sie provoziert haben / Harte Szenen nach dem Unfall PARIS/LONDON (pü/AFP/AP/dpa/rtr).Die Schuldfrage schien schnell eindeutig geklärt - zu schnell.Am Unfalltag schienen es ausschließlich die Paparazzi gewesen zu sein, die auf ihrer Jagd nach Bildern Prinzessin Diana in den Tod gehetzt hatten.Am Tag darauf schien der wahre Schuldige der Chauffeur zu sein, weil er mit 1,75 Promille am Steuer gesessen hatte.Die Ermittlungen legen den Schluß nahe, daß die Schuld nicht nur bei einer Seite allein liegt. Am Dienstag sagte Gilbert Collard, der Rechtsanwalt eines festgenommenen Papparazzo, der Fahrer habe die vor dem Hotel Ritz wartenden Fotografen provoziert.Er soll demnach etwas wie "Folgt uns nur, ihr kriegt uns eh nicht" gesagt haben.Laut "The Times" soll Paul gesagt haben "Kriegt mich doch, wenn ihr könnt", bevor er davon raste.Auch die Polizei bestätigte, daß der Fahrer den Paparazzi etwas zurief.Der Fahrer, stellvertretender Sicherheitschef des Ritz, wird von dem Hotel als "mustergültiger Angestellter" geschildert.Nur die Tageszeitung "Liberation" zitierte am Dienstag einen anonymen Kollegen, der behauptete, daß der Sicherheitsmann "besoffen wie ein Schwein" zum Dienst erschienen sei. Trotz des betrunkenen Fahrers will die Justiz gegen die Paparazzi streng vorgehen.Am Dienstag leitete die Pariser Staatsanwaltschaft formelle Ermittlungen ein - nicht nur wegen unterlassener Hilfeleistung, sondern auch wegen fahrlässiger Tötung.Gegen einen wurde Anklage erhoben.Bei einer Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung droht eine Höchststrafe von fünf Jahren Haft. Der beim tödlichen Autounfall Prinzessin Dianas schwer verletzte Leibwächter Trevor Rees-Jones - der einzige Überlebende - wird erst in einigen Wochen Angaben über das Unfallgeschehen machen können.Er ist außer Lebensgefahr. Laut Polizeibericht muß es nach dem Unfall zu perversen Szenen gekommen sein.Als die Polizei die Paparazzi davon abhalten wollte, die leblosen Di und Dodi in dem Mercedes zu fotografieren, wehrten sie sich heftig.Einer rief zu den Beamten: "Ihr seid zum Kotzen.Laßt mich meine Arbeit machen.In Sarajevo lassen uns die Polizisten arbeiten, und ihr habt nichts anderes zu tun als uns zu behindern.Ihr müßt nur auf Euch schießen lassen, dann werdet Ihr sehen." Allerdings müssen bei der Beurteilung der Fotografen wohl Unterschiede gemacht werden.Unter den sieben Festgenommenen befand sich beispielsweise der Reporter Jacques Langevin von der renommierten Bildagentur Sygma, der sich durch Bilder von der Niederschlagung der chinesischen Studentenbewegung einen Namen gemacht hatte. In Großbritannien war nicht nur in der Presse Ärger darüber zu spüren, daß sich die "Bild"-Zeitung in Deutschland am Montag nicht an den Aufruf von Steve Coz, dem Chefredakteur des US-Boulevardblatts "National Enquirer", gehalten hatte, auf die Veröffentlichung dieser Bilder zu verzichten.Die "Bild"-Zeitung hatte "offensichtlich kein Verlangen, sich dieser neuen moralischen Koalition anzuschließen", schrieb gestern der "Independent".Unter den Menschen, die vor dem St.James-Palast warteten, sich in die Kondolenzbücher eintragen zu können, war Abscheu über die Entscheidung der "Bild"-Zeitung zu spüren, über die in den britischen Blättern berichtet wurde, und viele hielten sich nicht mit ihren drastischen Meinungen zurück."Deutsche Arschlöcher" war zu hören. Die Berichterstattung über Dianas Tod hat die Auflagen der britischen Presse in die Höhe getrieben.Die "Sun", eines der schlimmsten Blätter mit Paparazzi-Fotos, verkaufte am Montag eine Million mehr Exemplare als die üblichen drei Millionen.Der Abscheu vieler Briten gegenüber den Paparazzi hatte somit offenbar keine Folgen bei der Kaufentscheidung. Die beiden Söhne Dianas werden den größten Teil des auf 116 Millionen Mark geschätzten Vermögens erben.Diana hat ihren letzten Willen im Zuge der Scheidungsvereinbarungen mit Prinz Charles erklärt. Überleben mit Gurt und AirbagVON GIDEON HEIMANN "Was soll das mit Gurt und Airbag, wenn man an dem Unfall in Paris sieht, daß das doch nicht hilft", ist eine vielgestellte Frage, aber am Thema vorbei.Denn offenbar waren Diana und Fayed im Heck des Wagens gar nicht angeschnallt.Zudem gibt es noch keine Technik, mit der man - ohne tödliche Verletzungen zu riskieren - einen Aufprall auf eine stabile Wand oder einen Pfeiler bei Tempo 200 übersteht.Nur der Leibwächter hatte unerklärliches Glück.Generell jedoch sind die Überlebenschancen dünn, weil die Kräfte riesig werden. Man denke nur an die Gurtschlitten-Tests für jedermann auf Verkehrssicherheits-Veranstaltungen.Bereits bei einer Geschwindigkeit von 6 km/h kann ein nicht angeschnallter Mensch die abrupte Verzögerung auf Tempo Null nicht mehr mit den Armen abfangen. Große Geschwindigkeitsänderungen - also auch Verzögerungen - werden von Technikern in g angegeben, das ist das Maß der Erdbeschleunigung (9,81 m/s2 ).Ein paar Vergleiche: Bei einer optimalen Vollbremsung erreicht ein Auto 1 g.In der Raumfahrt müssen Menschen über einige Minuten lang 5 g aushalten.Wenn ein Auto frontal mit 50 km/h auf ein festes Hindernis prallt, werden (je nach Fahrzeug) rund 20 g erreicht.Für wenige Millisekunden hält der menschliche Organismus sogar 60 g (Oberkörper) ohne Schaden aus. Nun steckt in der physikalischen Formel eine hochgestellte Zwei.Das bedeutet, der g-Wert steigt nicht linear mit Geschwindigkeitsänderung, sondern exponentiell.Wer mit dem gleichen Auto 200 km/h fährt, erreicht beim Crash leicht weit über 100 g - zuviel zum Überleben. Das sind Durchschnittswerte, denn ein Auto mit großen Knautschzonen baut ja die Aufprallenergie stärker ab, als eines mit kleinen.Das große Auto verlängert letztlich den Weg, auf dem die Verzögerung stattfindet, diese wird also schwächer. Mit Gurt und Airbag ist das ähnlich: Wer ohne fährt, bewegt sich immer noch mit der gefahrenen Geschwindigkeit durch die Fahrgastzelle, obschon der Wagen sich schon am Hindernis verformt; er prallt fast mit dem Ursprungstempo auf das Lenkrad oder das Armaturenbrett des schon so gut wie stehenden Autos.Gurt und Airbag sind gleichsam die Knautschzonen des Fahrers: Noch fast in der Ruhestellung - mit dem Rücken an der Lehne - wird der Fahrer auf dem plötzlichen Weg nach vorn gebremst.Der berechnete Abbau des Tempos findet zwar nur auf einem knappen halben Meter - bis zum Lenkrad - statt, das reicht jedoch zur Lebensrettung, falls das Ursprungstempo nicht zu hoch war.Zudem verteilt insbesondere der Airbag den Aufprall des Oberkörpers auf eine größere Fläche, verteilt den Druck gleichmäßiger. Die den Herstellern vorgeschriebenen Crashtests laufen mit gut 50 km/h ab.Deutlich höhere Geschwindigkeiten können für den Menschen trotz Gurt und Airbag schon zuviel sein, je nach Fahrzeugtyp.Gurt und Airbag helfen, das Leben zu retten, eine jederzeit wirkende Überlebensgarantie sind sie aber nicht.Da können schon 80 km/h tödlich sein.

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