Welt : Die Schweizer schütteln den Kopf

Jan Dirk Herbermann

Boulevardzeitung "Blick" kommt ins RudernJan Dirk Herbermann

Raoul ist verschwunden. Tagelang hatte der 11-Jährige unschuldig von der Frontseite des Züricher Boulevardblattes "Blick" die Leser angelächelt. Gestern fanden die Eidgenossen die erste Story über den Jungen mit Schweizer Pass, der in den USA wegen Inzest mit seiner 5-jährigen Halbschwester angeklagt wird, erst auf Seite 6 des Blattes. Den Blick-Machern kamen die Parlamentswahlen vom Sonntag ganz recht: Der Rechtsrutsch in der Schweiz beherrschte die Schlagzeilen. Und die Raoul-Geschichte musste nicht auf Seite 1 weitergedreht werden.

Seit dem Wochenende hat der Fall eine für die Boulevardzeitung unangenehme Wende genommen und dem Schweizer Publikum wird die Sache immer suspekter.

"Man muss die Frage nach der Schuld stellen. Wenn der Junge in einem Umfeld aufwächst, in dem Pornographie zum Alltag gehört, erscheinen seine Handlungen plötzlich in einem anderen Licht", ereifert sich Claire Doole aus Genf. So wie die 35-Jährige denken inzwischen viele Eidgenossen. Und die Eltern verwickeln sich in immer neue Widersprüche. "Mit Pornos hatten meine Frau und ich nie etwas zu tun", hatte sich Andreas Wüthrich, der Stiefvater des kleinen Raoul, von Vorwürfen distanziert, harte Sexfilme produziert zu haben.

Dennoch stellen sich die Eidgenossen die Frage: Wieso gründeten die Wüthrichs die Firma "Ultimate Fantasies"? Ein Name der an Hardcore-Pornografie erinnert. Vorher hatte der 31-Jährige in einem Interview mit "Blick" eingeräumt: "Wir hatten vor, eine erotische Website einzurichten." Später wollte er davon nichts mehr wissen. Immerhin: "Ultimate Fantasies" wurde unter der Adresse der Wüthrichs am 27. Juli eingetragen. Zu einem Zeitpunkt, als die US-Behörden das Treiben im Elternhaus des kleinen Raoul im US-Bundesstaat Colorado schon beobachteten. Bereits 1998 wurde Mutter Beverly wegen Missachtung ihrer Aufsichtspflicht zu einer Geldbusse verurteilt. Im Juni 1999 ermittelten die Sozialbehörden erneut. Der Vorwurf: Raoul habe sich seiner Schwester unsittlich genähert. Nach der Verhaftung des Jungen und der anschließenden Einweisung in ein Jugendgefängnis flüchteten die Wüthrichs in die Schweiz. Angeblich aus "Angst selbst verhaftet zu werden". Diese Version löst bei den Schweizern immer stärkeres Kopfschütteln aus. "Die Eltern haben ihren Sohn kalt im Stich gelassen, das war brutal", schimpft ein "Blick"-Leser aus Zürich, der nicht namentlich genannt werden will.

Die "Blick"-Verantwortlichen sehen sich in der Klemme. Tagelang hatten sie das Bild von den unschuldigen Eltern aufgebaut, die verzweifelt für ihren Sohn kämpfen. Jetzt müssen sie zurückrudern: "Raoul: So schaden ihm seine Eltern", unter dieser Überschrift listete das Blatt das Sündenregister der Eltern auf. "Die Familie Wüthrich macht mich ratlos", stöhnt Chefredakteur Jürg Lehmann. Für Raoul will das Boulevardblatt jedoch weiter kämpfen. Das auf einem Spendenkonto angesammelte Geld bleibt aber vorerst eingefroren, bis die genauen Verhältnisse aufgeklärt sind. Am 8. November findet in Colorado der nächste Gerichtstermin statt. Solange bleibt Raoul bei einer Pflegefamilie.
© 1999

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