Welt : "Die Seelensucherin": Punktsubstanz im Schneegestöber

Maike Albath

Jemand legt einen alten Film in den Projektor und fährt ihn ab: Man sitzt im Dunkeln und sieht Schwarzweiß-Aufnahmen von Berlin, es müssen die 20er Jahre sein, überall wimmelt es von Menschen. Herren mit gestärkter Hemdbrust und Melone steigen in die Stadtbahn am Savignyplatz, unter ihnen eine junge Frau mit einem Rindslederkoffer, plötzlich Schnitte, Nahaufnahmen, dann fehlt ein Stück, es folgen Kameraschwenks, und auf einmal erstarrt das Bild. Eine Erzählerstimme erklingt, arrangiert die Geschehnisse neu, erklärt und greift voraus, aber gleich kommt wieder Bewegung in die Szene, und von neuem verfällt man der Geschichte.

Wie ein Kinozuschauer fühlt man sich als Leser des faszinierenden Romans "Die Seelensucherin", der von einer Reise nach Stockholm handelt und im Original nicht umsonst schon im Titel auf ein Filmgenre anspielt. "Stockholm noir" heißt die schwedische Ausgabe des Buches von Aris Fioretos, der österreichisch-griechischer Herkunft ist, in Schweden aufwuchs und heute in Berlin und Stockholm lebt. "Die Seelensucherin" ist aber kein Roman über die 20er Jahre. Das Buch hat eher etwas von einem Prisma, durch das die Vergangenheit beziehungsreich in den Blick genommen wird. Nervös vibrierende Tableaus fügen sich ineinander und lösen sich wieder auf. Es geht um die Suche nach Erkenntnis und den Beginn der Moderne, und zwischendurch steckt man mitten in einem medizinhistorischen Krimi.

Sie ist spannend, die Geschichte von Vera Grund und Professor Schaumberg, die beide aus völlig unterschiedlichen Motiven derselben Person hinterherspüren, zeitlich versetzt zwar, aber mit ähnlicher Besessenheit. Vera Grund, die Berlinerin, bricht nach Stockholm auf, um ihren Vater Leo Tager zu suchen. Nur einmal hat die 25-Jährige mit dem Bubikopf und den Herrenanzügen Tager getroffen, kurz vor dem Tod ihrer Mutter. Damals war sie sechs und ging mit ihm in den Zoologischen Garten. Der Mann staunte über die Wendigkeit seiner kleinen Tochter und sagte etwas, das sich im Kopf des Mädchens festsetzte - die Seele könne sich im Körper bewegen und manchmal sogar aus ihm heraus.

Inzwischen ist Vera erwachsen, arbeitet bei "Propps Anzeigenexpedition", hat gerade eine unglückliche Liebe hinter sich und scheint mit ihrer Vorliebe für Murnau-Filme und Cafés durch und durch ein Geschöpf ihrer Zeit. Weil sie manchmal von einer unerklärlichen Sehnsucht ergriffen wird, beschließt sie, den wenigen Spuren ihres Vaters zu folgen und nimmt am 17. Dezember 1925 den Zug nach Stockholm, wo sie drei Tage lang im Schneegestöber die Stadt durchkämmt, bis sich unerwartete Querverbindungen ergeben.

Fioretos spart nicht an Zeitkolorit und einprägsamen Requisiten; Kleidung, Habitus und Umgangsformen sind bis ins Detail nachempfunden. Simultaneität ist das grundsätzliche ästhetische Prinzip dieses Romans, immer wieder wird man direkt in das Geschehen eingebunden, mit Eleganz zieht Fioretos seine erzähltechnischen Register, zwingt den Leser durch unmittelbare Tempussprünge und Perspektivwechsel zu eben jener gespannten Wachheit, die auch seinen Figuren zu eigen ist.

Wie auf den Bildern der Neuen Sachlichkeit oder futuristischen Gemälden geschieht alles gleichzeitig, und ab und zu wirft man gemeinsam mit dem Erzähler einen Blick hinter die Kulissen, wo der Motor der Fiktion ratternd zum Laufen gebracht wird. Eine Größe der schwedischen Medizin zur Zeit der Jahrhundertwende namens Gustaf Retzius stand Pate für den wunderlichen Professor Schaumberg, die zweite Hauptfigur des Romans. Retzius, mit dem sich Fioretos schon seit längerem beschäftigt, untersuchte die Gehirne herausragender Persönlichkeiten, wo er den Ursprung der "geistigen Exzellenz" der Schweden vermutete. Schaumberg forscht dort nach dem Sitz der Seele, aber auch in seinen theoretischen Ergüssen deutet sich das Gespenst der Rassenideologie an.

Der international geschätzte Kraniologe und Phrenologe, der Begriffe wie "Reproduktion" und "Veredelung" ganz selbstverständlich im Munde führt, tritt uns als Begründer der bizarren "Seelenbiologie" entgegen. Während Vera Grund mit dem Stadtplan in der Hand zu ersten Spaziergängen durch die fremde Stadt aufbricht, hängt der inzwischen ins Abseits geratene Wissenschaftler in der Bibliothek seinen Obsessionen nach. Just die Experimente mit Veras Vater Leo Tager, von denen die Berlinerin nichts weiß, hatten seinen Ruf ruiniert. Weil Tager an schweren motorischen Störungen litt und behauptete, keinen Körper zu besitzen, schien er dem Arzt die Inkarnation der reinen schwedischen Seele. An ihm wollte er die Existenz eben jener "subatomaren Punktsubstanz" nachweisen. Besessen von den eigenen theoretischen Konstrukten, wird er zu einem grausamen Demiurgen und bemerkt die Unmenschlichkeit seiner Versuche nicht einmal.

"Die Seelensucherin" ist ein ungemein ambitioniertes Buch, doch Fioretos beherrscht die Kunst der Leichtigkeit, des unangestrengten Nachdenkens. Die unzähligen Bezüge haben etwas Ungezwungenes. Kaum ein Leser wird jeder Fährte folgen, jedes Rätsel dechiffrieren, viele Fragen lassen mehrere Antworten zu - aber das spielt keine Rolle, denn das Flirrende, das Nicht-Erklärbare macht den Reiz der "Seelensucherin" aus. Wer genau liest, entdeckt das sorgfältig geknüpfte Netz zwischen sämtlichen Haupt- und Nebenfiguren - jede noch so beiläufige Begegnung entpuppt sich als bedeutungsvoll, jede Eigenart als entscheidend, alles erscheint wie eine literarische Umsetzung der komplizierten neuronalen Verknüpfungen im menschlichen Gehirn.

Der Winter und die ausgedehnte Kältemetaphorik lassen sich auf die Form der Erkenntnis beziehen, die Schaumberg praktiziert. Während Vera bei ihrer Suche verspielt bleibt und ihrer Intuition folgt, verliert Schaumberg den Menschen aus dem Blick. Sein Erkenntnisinteresse mündet in eine Perversion, die gleichermaßen komisch und erschreckend ist.

Vera Grund lässt sich von dem fremden Raum leiten und gewinnt, nach einigen fehlgeschlagenen Versuchen, eine Beziehung zu dem Objekt ihrer Suche - dass sie ihren Vater am Ende gar nicht trifft, ist unwesentlich. Ihr Vater Leo Tager verlor das Gespür für den eigenen Körper und erringt es, den Fängen Schaumbergs entronnen, mithilfe mechanischer Gymnastikmaschinen nur mühsam wieder. Mehr als ein ballet mécanique, bei dem die Kleistschen Überlegungen zum Marionettentheater mitzuschwingen scheinen, bekommt er nicht zustande. Seine Tochter besitzt noch ihre ursprüngliche Anmut, aber sie muss bis nach Stockholm reisen, um mitten im Schneegestöber die Ereignisse zu einem neuen Muster zusammenzufügen, die Abfolge zu ordnen und ihnen einen Rhythmus zu geben. Erst dann endet die Vergangenheit. Wo die Seele ihren Sitz hat, bleibt ein Geheimnis.

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