Welt : Die Seuchenjäger kommen

Fettleibigkeit ist eine Epidemie, sagen Experten. Sie halten die Gesundheitskampagnen für falsch – aber was ist die Alternative?

Adelheid Müller-Lissner

In den nächsten Wochen hält ein neues Produkt für die Schüler Einzug in deutschen Schreibwarengeschäften: Auf den Innenseiten der Umschläge von zehn Millionen Schreib- und Rechenheften der Firma Herlitz wird man rechtzeitig zu Beginn des neuen Schuljahres Tipps zu Vitaminen, Milchprodukten und dem Segen ausreichender Bewegung lesen können. Der Verein BildungsCent e.V., der in Berlin im letzten Jahr schon fünf ausgebildete Pädagogen als Ernährungs- und Bewegungs-Coachs für zehn Schulen stellte, hat sie in Zusammenarbeit mit Fachleuten von der rührigen „Plattform Ernährung und Bewegung e.V.“ erarbeitet.

In einer Großoffensive will die Plattform, zu der sich 70 Organisationen – wissenschaftliche Fachgesellschaften, Elternverbände, Ministerien, aber auch Vereinigungen der Lebensmittelindustrie und Firmen von Coca-Cola über Dr. Oetker bis zu Katjes und Fastfood-Hersteller Subway – vor kurzem zusammengeschlossen haben, dafür sorgen, dass Deutschlands Kinder mit richtiger Ernährung, Sport und Spiel gesünder aufwachsen.

So wichtig das Anliegen ist – schon gibt es Zweifel an den Methoden. „Die missionarische Intensität, mit der das betrieben wird, halte ich zumindest für ziemlich naiv“, kritisiert der Kölner Psychiater, Klinikchef und Theologe Manfred Lütz, Autor des viel gelesenen Buchs „LebensLust“, in dem unter anderem der „Diät-Sadismus“ am Pranger steht. Lütz bezweifelt, dass die konzertierte Aufklärungsbemühung fruchten wird, die laut Aktionsprogramm auch „Banken und Sparkassen, Einzelhandelsgeschäfte und Medienmärkte, Sozial- und Arbeitsämter oder Betriebskantinen“ einbeziehen will. Solche umfassenden pädagogisierenden Kampagnen seien schon beim Thema Drogen gescheitert. Im schlimmsten Fall drohe zudem noch Überdruss durch Dauerbelehrung. Dass Wissen allein nicht helfe, zeige das Beispiel der bestens informierten Magersüchtigen und Bulimiekranken. Gegen die These, Übergewicht beruhe auf Informationsmangel, verweist Lütz auf den Milliardenumsatz mit Ratgebern, „mit freilich zum Teil gegenläufigen Ratschlägen“.

In den USA sind die Zweifel noch stärker. Dort hat die Seuchenbehörde CDC – sonst beschäftigt mit HIV, Sars und anderen gefährlichen Epidemien – eine Sondereinheit in den Bundesstaat West Virginia geschickt, wo der Anteil der Fettleibigen am höchsten ist. Hintergrund ist die Erkenntnis, dass die bisherigen Erklärungen über die Ursachen der Fettleibigkeit offenkundig falsch oder zumindest nicht ausreichend sind. Dass die USA die effektivste Seuchenbehörde der Welt auf das Problem ansetzt, gilt als ein ungeheurer Vorgang, der die Dringlichkeit des Problems deutlich macht. Ist die Welt hilflos gegen die Fettepidemie?

„Nie gab es so viele Ernährungs-Informationen wie heute – aber auch nie so viele, die den Verbraucher verunsichern“, sagt Christiana Einig, Leiterin des Ernährungsberatungszentrums am Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIfE) in Potsdam-Rehbrücke, aus leidvoller Erfahrung.

Zwar hat die Empfehlung nach wie vor Bestand, viel Obst und Gemüse in den Speiseplan einzubauen – schon weil sie Kalorien nicht in so hoher Dichte anliefern wie Schokolade oder Bratwurst. „Satt werden wir vor allem durch Volumen“, erklärt dazu der Magen-Darm-Spezialist Volker Schusdziarra vom Klinikum rechts der Isar der TU München, Autor mehrerer Fachbücher. Aber schon an Kohlenhydraten und Fett scheiden sich die Geister: Über die Frage, ob man mit „low carb“- oder „low fat“-Diäten besser abnehme, werden in den USA inzwischen wahre Glaubenskriege geführt. Die Grundregel für gesundes Essen ist dabei einfach. Für den Alles-Esser Mensch gelte da ganz unangefochten eigentlich nur eine karge Definition, sagt Schusdziarra: „Gutes Essen ist eine Mischung aus tierischen und pflanzlichen Lebensmitteln, die das Gewicht normal hält.“ Darüber hinaus sei es kaum möglich, „einen Gesunden noch gesünder zu machen“.

Das zunehmende Problem liegt in einer bewegungsarmen Gesellschaft offensichtlich im richtigen Maß. Erstmals, so verlautete gerade von der Weltgesundheitsorganisation WHO, leben auf dieser Erde ebenso viele zu dicke wie zu dünne Menschen, nämlich jeweils 1,2 Milliarden. Legt man den Body Mass Index (BMI) zugrunde, teilt also Gewicht in Kilo durch die Körpergröße in Metern im Quadrat, so sind zwei Drittel der Amerikaner und Amerikanerinnen mit einem Wert über 25 als übergewichtig einzustufen. Problematisch ist vor allem der Anteil der stark Übergewichtigen mit einem BMI über 30. Ein Drittel der Kosten unseres Gesundheitswesens geht inzwischen auf Über- oder Fehlernährung zurück. Schon bei der Einschulung sind heute zehn bis 15 Prozent der deutschen Kinder übergewichtig. Immer mehr Kinder leiden lifestylebedingt sogar unter „Altersdiabetes“.

Doch was sollte geschehen? Schusdziarra, der schon Tausende von Übergewichtigen beraten hat, setzt bevorzugt auf individuelle Pläne, die persönliche Präferenzen berücksichtigen. „Wer gern vor dem Fernseher knabbert, kann lernen, etwas richtiger zu knabbern.“ Vom Verteufeln von Chips und Schoko hält er dagegen wenig.

Der Ernährungsmediziner findet es dabei prinzipiell richtig, mit der Aufklärung bei den Jüngsten zu beginnen, die noch das ganze Leben und auch die Herausbildung vieler Gewohnheiten vor sich haben. „Essverhalten wird geprägt, und man muss den Lernprozess richtig steuern.“ Dieses Ziel hat sich Verbraucherschutzministerin Renate Künast, Autorin des Buchs „Die Dickmacher“, ausdrücklich gesetzt: „eine starke und gesunde erste Generation im 21. Jahrhundert“, so das erklärte Ziel der bei der Gründung der Plattform besonders engagierten Politikerin. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei Kitas und Ganztagsschulen, die gesundes Essen und ausreichend Bewegung sicherstellen sollen, und der gezielten Ansprache von „Risikogruppen“, vor allem in der sozialen Unterschicht.

Auch Christiana Einig findet es wichtig, dass Eltern und Pädagogen sich über Ernährungsfragen informieren. „Doch mit den Kindern muss man das Thema vor allem leben“, sagt Christiana Einig. „Da darf man nicht ständig betonen: Ihr bekommt jetzt euren Joghurt, weil da so viel Kalzium drin ist!“ Psychiater Lütz wünscht sich zudem, dass Kinder, die aus Frust essen, seelisch stärker gemacht werden. Sinnvoll fände er statt allzu viel belehrender Aufklärung auch „echte Kampagnen für Esskultur“.

Genau dafür plädiert auch der Psychologe Bernd Reuschenbach von der Uni Heidelberg, der ein Seminar zum Thema „Psychologie des Essens und Trinkens“ mit seinen Studenten kürzlich bewusst in einem Schlemmerlokal enden ließ. Nur von „Ernährungspsychologie“ zu sprechen, greife zu kurz: „Beim Essen geht es schließlich um mehr: Wir müssen Geschmackspräferenzen berücksichtigen, uns um atmosphärische Einflüsse kümmern, den sozialen Rahmen einbeziehen.“ Zum Nährwert müsse der Mehrwert kommen. Also das, was eine gesellige Mahlzeit von der reinen Kalorienaufnahme unterscheidet.

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