Welt : Die Spannung steigt

LOS ANGELES (Tsp/AFP). Kubrick-Fans können die Spannung kaum noch ertragen. Der Film "Eyes wide shut" (übersetzt etwa: "Mit weit geschlossenen Augen"), kommt am Freitag in die US-Kinos. Gestern war bereits Premiere in Los Angeles, wo viele Prominenten anwesend waren, die ebenso gespannt auf den (neben "Star Wars") vermutlich letzten großen Film dieses Jahrtausends sind. Und selten wohl ist um einen Film soviel Geheimniskrämerei betrieben worden. Die US-Kritiker mußten sich nach den Vorab-Vorführungen schriftlich zum vorläufigen Stillhalten verpflichten. Das hat die Gerüchteküche um die Sex-Odyssee eines Ehepaares in der Krise nur noch mehr angeheizt. Erwartet wird, daß viele Amerikaner in der Erwartung pornografischer Szenen mit weit geöffneten Augen im Kino sitzen.Kubrick starb am 7. März mit 70 Jahren an Herzversagen. Fünf Tage vorher hatte er seinen Film fertig abgeliefert. Wenige Tage später lief bei einer Messe in Las Vegas der erste 90-Sekunden-Trailer mit Nicole Kidman und Tom Cruise. Darin waren die zwei Hollywood-Stars - verheiratet im Film wie im richtigen Leben - in einem Spiegel dabei zu beobachten, wie sie sich halbnackt leidenschaftlich küssen.Seither war in der US-Presse wie im Internet alles Mögliche über die angeblichen Eifersüchteleien und sexuellen Obsessionen des Paares zu lesen. Dabei hatten auch die US-Kritiker bis zum vergangenen Wochenende keinerlei Gelegenheit, den vollständigen Film zu begutachten. Noch vor dem Kinostart mußte sich die Justiz mit der Berichterstattung befassen: Mit Erfolg setzte sich das Ehepaar Kidman/Cruise gegen die Behauptung einer Klatschpostille zu Wehr, daß es eigens für "Eyes wide shut" einen Sexualtherapeuten aufgesucht habe. Die meisten Berichte über die sexuelle Erkundungstour des Kinopaares blieben aber unwidersprochen.Dazu gehörten auch die Indiskretionen des Kubrick-Freundes und -Biographen Alexander Walker, dem die Regisseurswitwe den Film in einer Privatvorführung gezeigt hatte. Dazu mag beigetragen haben, daß Walker das 13. Kubrick-Werk in der Londoner Zeitung "Evening Standard" im Juni als Meisterstück lobte. Noch mehr Details verriet dann das US-Nachrichtenmagazin "Time" in einer Titelgeschichte über das Schauspielerpaar: "Cruise&Kidman - wie Sie sie noch nie zu sehen bekamen". Aus dem Wien der Jahrhundertwende hat Kubrick die Geschichte ins New York der heutigen Tage verlegt. Ein Ehepaar will gemeinsam aus der Beziehungskrise und erfährt mehr über sich, als ihm lieb ist.Der Filmverleih Warner Brothers rechtfertigt seine Medienstrategie damit, daß nach Kubricks Tod nur seinem Willen entsprochen wurde. "Er hat alle seine Filme bis zum letzten Augenblick zurückgehalten - damit sie das Publikum zu sehen bekommt, bevor die Medien darüber hereinbrechen", sagte eine Firmensprecherin.Auch nach dem Kinostart in den USA wird übrigens noch nicht alles bekannt sein. Aus Furcht vor Zensur hat Kubrick die US-Version entschärft: 65 Sekunden einer Gruppensex-Szene wurden digital verändert. Im Original soll sein Nachlaß dann erst bei der Eröffnung des Film-Festivals in Venedig Anfang September zu sehen sein. Die deutschen Kinogänger müssen sich noch einige Tage länger gedulden: Deutschland-Start von "Eyes wide shut" ist am 16. September.

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