Welt : Die Spur zum Mörder

Als die ersten Kinder vom nächtlichen Besuch des "schwarzen Mannes" erzählten, mochten ihnen die Erwachsenen nicht immer glauben. Aber in mindestens 34 Fällen hat es ihn gegeben: Zehn Jahre nach dem ersten Auftreten des Unbekannten gewinnt das Bild des Mannes Konturen, der den 9 Jahre alten Dennis im September 2001 aus einem Schullandheim bei Bremen entführte und tötete. "Das Puzzle fügt sich zusammen, aber wir wissen noch nicht, wie viele Teile es hat", sagt der Leiter der "Sonderkommission (Soko) Dennis", Uwe Jordan.

Niemand weiß, wie Dennis in der Nacht zum 5. September aus dem verschlossenen Heim in Wulsbüttel (Kreis Cuxhaven) unbemerkt entführt werden konnte. Am 19. September wurde seine Leiche gefunden. Mit derselben Intensität, mit der bis dahin Hunderte von Polizeibeamten und Helfern nach dem Jungen suchten, geht seither die 43-köpfige Sonderkommission zu Werke.

Mit genialen Geistesblitzen, wie sie häufig ihre "Kollegen" in Krimi-Serien durchzucken, rechnet die Soko nicht: "Das hier ist harte Teamarbeit", berichtet Jordan. Eine Landkarte mit vielen roten und drei schwarzen Punkten sowie ein Foto sind die einzig sichtbaren Hinweise auf das Verbrechen: Eine der letzten Aufnahmen von Dennis zeigt ihn im Schlafanzug mit seinem gelben Lieblings-Pokemon im Arm.

Die Kartenpunkte sind Ergebnis systematischer Polizeiarbeit. Nach Hinweisen auf eine mögliche Tatserie zog die Soko auch britische Spezialisten zu Rate. Die so erstellte geografische Fallanalyse zeigt: Der Mörder von Dennis belästigte in mindestens 33 weiteren Fällen Jungen. Tatorte waren Schullandheime, ein Internat, Zeltlager, aber auch Eigenheime. "Die Serie begann 1992", sagt Polizeisprecher Detlef Kaldinski. Möglicherweise ist der Gesuchte auch für den Tod zweier Jungen in Scheeßel (Niedersachsen) und Selker Noor (Schleswig-Holstein) nahe der dänischen Grenze, vielleicht sogar für einen dritten Fall in den Niederlanden verantwortlich.

Die Soko nahm nicht nur die Akten der alten Fälle wieder auf, sie sprach auch mit damals betroffenen Kindern. "Das sind heute junge Männer, die sehr präzise über ihre Erlebnisse berichten können, weil sie sich standbildartig eingebrannt haben", sagt Jordan. "Profiler" versuchten, aus den Aussagen ein relativ präzises Bild des "schwarzen Mannes" zu zeichnen: Er ist zwischen 28 und 35, möglicherweise verheiratet oder sogar selbst Vater. Wie viele Details die Soko wirklich kennt, will Jordan nicht sagen.

Rund 10 000 Namen stehen inzwischen in den Akten. Das sind nicht unbedingt Verdächtige, das kann auch der Zeitungsbote sein, der am Schullandheim vorbei kam. Nun bildet die Soko Schnittmengen, versucht Gemeinsamkeiten herauszufiltern. Erste konkrete Überprüfungen und Hausdurchsuchungen gab es bereits.

Vielleicht wird die Soko, deren Mitglieder aus verschiedenen Polizeiinspektionen kommen, eines Tages verkleinert. "Aber wir werden die Arbeit nicht aufgeben", sagt Jordan. Er ist überzeugt, dass die Fahnder auch an die richtige Tür klopfen werden: "Wir werden den schwarzen Mann erkennen, wenn wir vor ihm stehen."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben