Welt : Die Stadt Gersthofen schenkt jedem Bürger 100 Mark

Rolf Linkenheil

Wer ist der Weihnachtsmann? In der 20 000 Bürger zählenden Gemeinde Gersthofen bei Augsburg ist es der Bürgermeister. Er heißt Siegfried Deffner, ist bei der CSU und auch sonst ein guter Mensch. Den Weihnachtsmann spielt er schon im September. Dann darf sich jeder Einwohner einen Hunderter bei der Stadtkasse abholen.

Fünf Millionen Mark liegen nach dem Abzug aller Schulden auf der hohen Kante bei der Stadt Gersthofen. Rund 17 Millionen hat sie im letzten Jahr an Gewerbesteuern eingenommen. Dank ihrer günstigen Verkehrsanbindung und der Nähe zum Augsburger Flughafen ließen sich auf neuen Gerwerbeflächen zahlreiche Unternehmen anlocken, die mit ihren Steuerzahlungen dem Bürgermeister und dem Stadtkämmerer große Freude bereiten. Als "Speckgürtelgemeinde" profitiert Gersthofen von der Infrastruktur der Großstadt. Das kulturelle und sportliche Angebot Augsburgs kostet die Gersthofener keinen Pfennig. Die Stadt konnte sich selbst einen Sparkurs verordnen.

Als Deffner im März die vom Gemeinderat abgesegnete Absicht verkündete, seine Bürger zu beschenken, traten sofort die Neider und die Bedenkenträger auf den Plan. Wer soviel einnimmt, könnte doch immerhin die Steuer senken oder soziale Einrichtungen von Dauer schaffen. Aber die Stadt hat anscheinend schon alles, was das Bürgerherz begehrt. Nicht von der Hand zu weisen ist jedoch die Gefahr, daß "der Blaue", den jeder nah1Gersthofener erhält, ganz schnell wieder ausgegeben wird, im Wirtshaus, im Kaufhaus und von manchem vielleicht auch in einem auf andere Weise Freude spendenden Haus zu Augsburg oder München. Deffners Parteifreund, der christlich-soziale bayerische Innenminister Beckstein, hielt dessen Lust am Schenken für "keine kommunale Aufgabe", ließ jetzt aber wissen, daß er es akzeptiere, wenn das Landratsamt die Auszahlung nicht beanstande.

Was wollte da der CSU-Landrat Vogele trotz seiner rechtlichen Bedenken noch einwenden? Er respektiere die kommunale Selbstverwaltung, gab er bekannt. In alten Märchen oder anderen schönen Erzählungen geht oft der Reiche durch die Straßen und beschenkt das Volk. Mit seiner Barmherzigkeit trachtet er danach, ein Guthaben an höherer Stelle für die ewige Seligkeit zu erlangen. Gersthofens Bürgermeister Deffner hingegen denkt aber weniger an das Paradies als an seine Wiederwahl.

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