Welt : Die Strafe ist programmiert

Der Ex-Schüler Sven J., Autor des Computerwurms Sasser, ist zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden

Kurt Sagatz

Sven J. ist nun vorbestraft. Das Landgericht Verden verurteilte den inzwischen 19-jährigen Autor der Computerviren „Sasser“ und „Netsky“ am Freitag zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und neun Monaten. Die Strafe wird zur Bewährung ausgesetzt, der Virenschreiber muss zusätzlich 30 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten. Mit seinen Schädlingen hatte der junge Mann aus dem niedersächsischen Ort Waffensen vor gut einem Jahr weltweit Millionen Computer zum Absturz gebracht und damit einen immensen Schaden angerichtet. Die Verhandlung fand vor einem Jugendgericht statt, weil der Angeklagte zur Tatzeit noch minderjährig war. Bereits nach der Verhaftung hatte er ein Geständnis abgelegt und vor Gericht wiederholt. Beide Seiten erkannten das damit rechtskräftige Urteil an.

Mit seinem Urteil blieb das Gericht unter der Forderung der Staatsanwaltschaft. Sie hatte die Anordnung einer allein erzieherischen Strafe angesichts des großen Schadens für nicht ausreichend erachtet und für eine Bewährungsstrafe von zwei Jahren plädiert. Dagegen meinte die Verteidigung, dass die auch von der Staatsanwaltschaft festgestellte positive Sozialprognose eine Strafe von einem Jahr auf Bewährung gerechtfertigt hätte. „Der Virenschreiber ist mit diesem Urteil nicht schlecht weggekommen“, sagte Michael Terhaag, Düsseldorfer Anwalt für Online- und Multimediarecht, nach der Urteilsverkündung. Zugleich enthalte das Urteil aber auch die angestrebte abschreckende Wirkung. „Als Vorbestrafter kann Sven J. nun beispielsweise nicht mehr in den Staatsdienst übernommen werden. Das kommt für ihn zwar ohnehin nicht in Betracht, da er inzwischen eine Ausbildung zum Sicherheitsfachmann begonnen hat. Dennoch wird deutlich, wie schwerwiegend sein Vergehen ist.“

Am Ende der viertägigen Verhandlung befand das Landgericht Sven J. in vier Fällen der Datenveränderung und in drei Fällen der Computersabotage für schuldig. Nach Auffassung der Richter hat er eine „erhebliche kriminelle Energie“ unter Beweis gestellt und sich „diebisch“ über die weltweiten Computerabstürze gefreut. Anstatt aufzuhören, habe er seinen Internetwurm aus dem Bedürfnis nach Anerkennung heraus immer weiter entwickelt und weiter versandt. Durch den Ausfall von Notrufanlagen habe er Menschenleben gefährdet.

Insgesamt hatten sich 143 Geschädigte bei der Staatsanwaltschaft gemeldet. Der ermittelte Schaden beträgt 130 000 Euro, wobei der Staatsanwaltschaft zufolge viele andere Opfer sich keine Blöße geben wollten. „Sasser“ hatte unter anderem die Fluggesellschaft Delta Airlines, die Europäische Kommission, aber auch Finanzinstitute wie die Postbank in Mitleidenschaft gezogen. Aber auch in vielen Behörden lief nach „Sasser“ nichts mehr. „Insbesondere bei Privatanwendern und bei kleinen und mittelständischen Unternehmen besteht hinsichtlich der IT-Sicherheit noch erheblicher Nachholbedarf“, sagt so auch Hennig Lesch vom Internet-Providerverband eco. Der Softwarekonzern Microsoft, der seinerzeit eine Belohnung von 250 000 Dollar für Hinweise auf den „Sasser“-Urheber ausgesetzt hatte, begrüßte die Entscheidung. „Das Urteil zeigt, dass die Programmierung und Verbreitung von Internetviren und -würmern kein Kavaliersdelikt ist“, erklärte das Unternehmen. Die beiden Viren hatten ausschließlich die beiden Microsoft-Betriebssysteme Windows 2000 und Windows XP befallen. Der damals 17-jährige Computerfreak hatte dabei Sicherheitslücken in Windows genutzt, die schon seit längerem bekannt waren. Allerdings waren auf vielen privaten PCs und Firmencomputern die von Microsoft bereitgestellten Sicherheitsupdates nicht installiert worden. Eine Änderung der Sicherheitsstrategie in den Betriebssystemen sorgt inzwischen dafür, dass diese Sicherheitsprogramme auch ohne Zutun des Anwenders automatisch installiert werden.

Der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) ist hingegen skeptisch, ob die Höhe der Strafe ausreicht. „Computersabotage ist kein Kavaliersdelikt. Die Strafen für junge Hacker stehen in keinem Verhältnis zu den angerichteten Schäden. Bisher haben die Urteile offenbar keine abschreckende Wirkung auf die Täter gehabt“, sagt Sandra Schulz, IT-Sicherheitsexpertin des Verbandes dem Tagesspiegel.

Neben dem Jugendstrafverfahren könnte sich der junge Mann noch einer Reihe von zivilrechtlichen Prozessen ausgesetzt sehen. In den ersten Auseinandersetzungen kam es allerdings bereits zu Vergleichen. In vier Fällen einigten sich die Geschädigten mit dem Virenschreiber auf Zahlungen unter 1000 Euro, hatte das Amtsgericht Rotenburg an der Wümme bereits am Mittwoch bekannt gegeben. Dabei habe unter anderem eine Rolle gespielt, dass „der Angeklagte nicht zu großen Zahlungen fähig ist“. Der von ihm geschriebene Virus enthielt zwar keine zerstörerische Schadensroutine. Kosten entstanden allerdings für die Entfernung von „Sasser“, die häufig nur von Experten zu leisten war. Vier andere Verfahren waren bereits zuvor abgeschlossen worden. Weitere Zivilverfahren liegen weder beim Amtsgericht noch beim Landgericht – das für Fälle ab 5000 Euro Schadenssumme zuständig ist – vor. Betroffene können allerdings bis Ende 2007 ihre Ansprüche anmelden.

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