Welt : Die strahlenden Gesichter sagen alles

WINDSOR (Tsp/AFP/AP). Erstmals nach Jahren von Skandalen und Scheidungen hat das britische Königshaus mit der Hochzeit von Prinz Edward und Sophie Rhys-Jones wieder einen festlichen Höhepunkt erlebt. Die Gesichter der Königsfamilie zeugten von Glück und der Hoffnung, daß es diesmal gut werden wird. Rund um die Welt hatten am Sonnabend nach Schätzungen 200 Millionen Fernsehzuschauer die "Hochzeit des Jahres" verfolgt. Erschütterung und Trauer, die der Tod von Prinzessin Diana vor fast zwei Jahren ausgelöst hatte, schienen vergessen.

Die britische Presse lobte am Sonntag den neuen, schlichten Stil der Trauung. "Es war wirklich eine königliche Hochzeit ganz anderer Art", schrieb der "Independent". "Vielleicht wird es dann auch eine königliche Ehe ganz anderer Art." Die Zeitung "Sunday People" schwärmte: "Sophie strahlte heller als die Kronjuwelen."

Nach Trauung, Kutschfahrt und Buffet haben Prinz Edward und Sophie die Hochzeitsnacht auf Schloß Windsor verbracht. Zuvor war im Prunksaal der größten bewohnten Schloßanlage Europas noch lange getanzt und gefeiert worden. Obwohl 40 Kellner bereitstanden, wurde das Essen nicht serviert. Die 600 Gäste stellten sich am Buffet an. Nur die Queen und die Königinmutter wurden bedient. Doch zunächst ging die Königin von Gast zu Gast, um zu plaudern. Sophie nahm sie gar in der Arm - für die Queen eine ganz ungewöhnlich emotionale Äußerung, dazu noch in der Öffentlichkeit.

Noch keine Erkenntnisse gab es dazu, wo das junge Paar seine Flitterwochen verbringen würde. Einige Zeitungen berichteten über eine Kreuzfahrt auf der Jacht eines Milliardärs in der Karibik oder im Mittelmeer.

Als Trauzeugen standen ausgerechnet Edwards geschiedene Brüder Charles und Andrew daneben. Das sei etwa so, meinte "Guardian"-Kommentator Jonathan Freedland, als würde man PLO-Chef Jassir Arafat zu einer jüdischen Bar-Mizwa-Feier einladen. Ein anderes, Unheil verheißendes Symbol genau vor dem Trau-Altar war mit einem Teppich überdeckt worden: die riesige schwarze Grabplatte von König Heinrich VIII, der seinen Frauen im 16. Jahrhundert den Kopf abschlagen ließ.

Alles war darauf abgestellt, die britische Monarchie in einem neuen Licht zu präsentieren: bescheidener, schlichter, moderner. Keine Menschenmassen, keine Balkonszene, keine St. Pauls-Kathedrale. Und während Diana mit sieben Meter langer Schleppe, Plüsch und Tüll in ihr Unglück geschritten war, hielt es Sophie schlicht und elegant. Den Kritikern, die ihr bösartig eine "englische Birnenfigur" oder noch bösartiger: "Hüften einer lettischen Stewardeß" vorgeworfen hatten, zeigte sie es auch: Nach Akupunktur, Fitneß-Training und Hungerkur wirkte sie in dem enganliegenden Kleid so schlank wie noch nie.

Probleme bereitete den 600 Gästen - überwiegend engste Freunde und Verwandte - der Zeitpunkt der "Tee-Hochzeit", nachmittags um fünf. Auf diese ungewöhnlich späte Stunde war man ausgewichen, weil Edwards Vater Prinz Philip das Mittagessen noch auf einer Zuchtbullenschau in Ostengland einnehmen wollte. Das bedeutete: Zwischen der Trauung und dem gemütlichen Teil blieb keine Zeit mehr zum Umziehen. Also nichts Schulterfreies, denn das wäre in der Kirche unschicklich gewesen.

Die Geschenke waren nicht billig. "Wenn sie wirklich alles bekommen, was sie haben wollen, wird die gestiegene Inlandsnachfrage den Börsenindex in die Höhe treiben", kommentierte der "Daily Telegraph". Ihr schönstes Hochzeitsgeschenk dürfte jedoch die Ernennung zum Graf und zur Gräfin von Wessex gewesen sein. Experten kritisierten allerdings, der Titel sei "völlige Fiktion", genauso gut könnte sich Sophie als Gräfin von Taka-Tuka-Land bezeichnen.

Die wichtigste Frage, die sich die britischen Medien am Hochzeitstag stellten, war natürlich: Wird die Ehe halten? Ist Edward endlich der Joker im Quartett der Königskinder? Viele Royalty-Beobachter waren sich darüber einig, daß Sophie viel zu ehrgeizig ist, um sich jemals scheiden zu lassen und damit Titel und Status einzubüßen. "Fergie und Diana wollten geliebt werden, Sophie geht es um Ruhm", erläuterte die Gesellschaftskolumnistin Lynda Lee-Potter. "Wenn Edward sie ärgern sollte, wird sie einfach eine Runde um den Block joggen." Die Medien hatten in den Tagen vor der Hochzeit ausführlich berichtet, die Sophie in der Vergangenheit mit Männern umgesprungen war. Die Tochter eines Reifenhändlers habe sich ihren Platz auf dem Palastbalkon hart erkämpft. Ihre Freunde rangierten gesellschaftlich grundsätzlich immer einige Stufen über ihr. Viele von ihnen erinnerten sich wehmütig daran, wie sie der jeweils nächsten, besseren Partie weichen mußten. Als herrisch und stahlhart wurde sie beschrieben. Diese Eigenschaften brachten sie von der Sekretärin zur Skilehrerin, zur Werbeberaterin und schließlich zur Chefin einer eigenen PR-Firma.

Die "PR-Queen" und frischernannte Gräfin von Wessex wirkte auf dem Weg in die Kirche jedoch ganz und gar nicht selbstsicher. Die Anspannung war ihr deutlich anzusehen, als sie zu den Klängen des "Marche Heroique" durch das Kirchenschiff schritt.

Auch ein Lächeln des Bräutigams konnte Sophie die Nervosität noch nicht nehmen. Erst als ihr Edward aufmunternd zuzwinkerte, schien das Schlimmste vorbei zu sein. Minuten später ließ sie sich bei ihrem umstrittenen Gehorsamsgelöbnis selbst durch den Lärm eines tieffliegenden Flugzeugs nicht aus dem Konzept bringen. Mit fester Stimme sagte sie: "Ich will."

Auch der lange Name "Edward Antony Richard Louis" kam flüssig; Diana hatte 1981 die Vornamen von Charles durcheinandergebracht. Mit finsterem Blick überreichte Trauzeuge Charles die Eheringe. "Wer weiß, welche Erinnerungen ihm in diesem Moment durch den Kopf gingen", bemerkte am nächsten Tag der "Independent". Ein letzter kritischer Augenblick kam, als sich Sophies Ehering als zu eng erwies. Erst nach einigem Zerren und Drücken konnte Edward ihn über den Ringfinger der linken Hand schieben. Dann war es soweit: "Was Gott verbunden hat, das soll der Mensch nicht scheiden", verkündete Bischof Peter Nott. "Ich erkläre sie hiermit zu Mann und Frau."

Auf eine Predigt hatte man verzichtet. "Küßt euch", riefen die Hochzeitstouristen, als das Paar in einer offenen Kutsche durch die Straßen von Windsor fuhr. Doch nur der Bischof und die Trauzeugen Charles und Andrew hatten den ersten Kuß der beiden Eheleute gesehen. Hinten in der Sakristei, wo der standesamtliche Teil der Heirat vollzogen wurde.

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