Welt : Die Suche nach dem zweiten Mann

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Erfurt (dpa). Die Frage nach etwaigen Komplizen des Amokläufers Steinhäuser rückt nach dem Schock und der Trauer zunehmend ins Blickfeld. Gab es Warnungen vor der Bluttat, nicht in das Gymnasium zu gehen? Auch die Zahl der Schüsse in so kurzer Zeit gibt Polizei und Staatsanwaltschaft Rätsel auf. Für den Mordfeldzug brauchte er im weitläufigen Gebäude nur 10 bis 20 Minuten. 70 Schüsse hallten durch die Gänge, bevor sich Steinhäuser mit seiner „Glock 17“ tötete. Die Pumpgun lag mit einer im Lauf verklemmten Patrone unbenutzt neben ihm. Um 11.20 Uhr berichtete Lehrer Heise der Polizei, er habe den Täter eingeschlossen, und übergab den Schlüssel zu dem Raum, in dem die Leiche gefunden wurde.

Die Ermittler fragen sich: Konnte die Tat in dieser kurzen Zeit von einer Person verübt werden? Sie können mögliche Komplizen bislang nicht hundertprozentig ausschließen. „Wir müssen es noch ins Kalkül ziehen“, sagt Staatsanwalt Michael Heß. Mehr als 800 potenzielle Zeugen sollen vernommen werden. Rund 320 wurden bis Freitag befragt. Doch die Vernehmungen gestalten sich schwierig: 120 Aussagen davon ergaben keine Hinweise auf die Straftat.

Außerdem widersprechen sich die Aussagen zum Teil. Nach wie vor wollen Schüler einen 1,70 großen Mann mit Pistolen, andere einen 1,80 Meter großen mit Gewehr gesehen haben. Es gibt mindestens eine Zeugenaussage über eine Warnung per Handy. Die Ermittler prüfen Anrufe und Kurznachrichten, um mögliche Komplizen auszuschließen. Auch wenn die Warnung in einem Fall wohl nicht in direktem Zusammenhang mit der Tat steht: Allein die Frage nach Mitwissern schürt die Angst. „Der Gedanke ist unerträglich“, sagt die Mutter der 13- jährigen Saskia.

Robert Steinhäuser ist am Samstag im engsten Familienkreis beerdigt worden. Über den Ort, Art und Weise der Beisetzung sei Stillschweigen vereinbart worden, sagte ein Sprecher der Polizei. Laut „Bild“ sollte Steinhäuser anonym, ohne Kreuz oder Grabstein, beigesetzt werden. Bei dem Massaker im Gutenberg-Gymnasium am 26. April stellten sich nach Informationen des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ mehrere Lehrer vor den Todesschützen, um das Leben ihrer Schüler zu retten. So sei die Kunstlehrerin Birgit Dettke am Tattag auf dem Schulhof stehen geblieben, um den Schülern den Weg aus der Schusslinie zu weisen. Sie sei später von Steinhäuser erschossen worden. Eine Kollegin habe sich zwischen zwei Klassenzimmern postiert, um die Schüler bei der Flucht zu decken. Eine andere bereits angeschossene Pädagogin habe noch einen Raum, in den sich Kinder und Lehrer geflüchtet hatten, abgeschlossen. Beide Lehrerinnen wurden Opfer des Ex-Schülers. Zunächst war fast nur über den Lehrer Rainer Heise gesprochen worden. Einem Täterprofil zufolge sei die Sucht des Täters nach Gewaltfilmen und brutalen Computerspielen nicht ausschlaggebend für die Morde gewesen, berichtet „Focus“. Demnach beschreiben die Fahnder Steinhäusers Leben als eine Kette von Niederlagen und Enttäuschungen. Er sei mit einem Erfolgsdruck der Eltern nicht zurechtgekommen. Letzter Tiefschlag ist dem Bericht zufolge der Schulverweis gewesen.

Steinhäuser war dem Gymnasium in der zwölften Klasse nach einer Aufforderung zum Schulwechsel ferngeblieben und hatte keinen Abschluss. Laut „Spiegel“ wurde bei dem „Rauswurf“ Steinhäusers im Oktober 2001 das Thüringer Schulgesetz missachtet. Eltern- und Schülervertreter hätten gehört und ein Ausschluss von der Lehrerkonferenz beschlossen werden müssen. Bundesbildungsministerin Bulmahn warf den Ländern vor, erfolgreiche Modellprojekte zur Gewaltprävention an Schulen nur zögernd flächendeckend umzusetzen. „Es ist nicht zu vermitteln, dass man Modelle testet, anschließend jedoch nicht umsetzt“, sagte sie der „Magdeburger Volksstimme“.

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