• Die Suche nach der Ursache geht weiter - Gewerkschaften drohen mit Streiks für sicherere Systeme

Welt : Die Suche nach der Ursache geht weiter - Gewerkschaften drohen mit Streiks für sicherere Systeme

Martin Pütter

Die Rettungskräfte, die am Dienstag halfen, die Toten und Verletzten des Zugunglücks in London aus den Trümmern zu ziehen, wurden bei ihrer Arbeit mit einem makaber wirkenden Umstand konfrontiert. Immer wieder hörten sie das Klingeln von Mobiltelefonen, die in den Trümmern zurück geblieben waren, doch keiner beantwortete die Anrufe. Es waren besorgte Angehörige, die eine Errungenschaft moderner Technologie benutzten. Als niemand antwortete, hätten nicht nur sie gewünscht, dass das Sicherheitssystem auf dem britischen Eisenbahnnetz auf diesem modernen Stand wäre.

Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Das Signal- und Sicherheitssystem stammt noch aus den zwanziger Jahren. Das ist für jeden ersichtlich, der mit den britischen Zügen fährt oder an den Bahnhöfen Anlagen und Zugmaterial etwas genauer anschaut. Kabel für Signale und Weichen liegen, Wind und Wetter ausgesetzt, zum Teil direkt neben den Gleisen, und viele Waggons, vor allem bei den Regionalzügen, sind mehrere Jahrzehnte alt und werden nur selten gewartet. Wie ein Zugfahrer, der anonym bleiben wollte, gestern gegenüber dem Kabelsender Sky News erklärte: Die Zugfahrer sind häufig übermüdet, weil sie nicht zu Pausen kommen.

Die Eisenbahngesellschaften sind eher darum besorgt, dass die Züge fahren - weniger um die Sicherheit. Und Geld für selbst bescheidene Verbesserungen steht ebenfalls nicht zur Verfügung. Die privatisierten Bahngesellschaften wollen Gewinne machen - was ihnen zur Freude der Aktionäre und Direktoren, die sich Jahresprämien in sechsstelliger Höhe auszahlen, auch gelingt. Die Regierung macht keine Subventionen locker, weil das Schatzamt auf Sparkurs gegangen ist.

Was das Unglück vom Dienstag in einem besonders schlimmen Licht erscheinen lässt: Auf dem gleichen Streckenabschnitt, nur ein paar Kilometer weiter, waren vor zwei Jahren bei einer Kollision zweier Züge sieben Menschen ums Leben gekommen, 150 wurden verletzt. Die Untersuchung zu den genauen Ursachen dieses Unglücks hat erst vor zwei Wochen begonnen. Damit noch nicht genug. An der Stelle, wo die beiden Züge am Dienstag kollidierten und in Flammen aufgingen, überfuhren Zugführer seit 1993 achtmal ein rotes Haltesignal. Vergangenes Jahr wurde ein Zusammenstoß dank frühzeitigen Bremsens gerade noch vermieden. Am Ende waren die Lokomotiven zweier Züge auf demselben Gleis nur wenige Zentimeter auseinander.

Obwohl die genaue Ursache für das Unglück vom Dienstag noch nicht bekannt ist, begannen unter anderen Regierung, Opposition, Zuggesellschaften und Gewerkschaften damit, sich die Schuld gegenseitig zuzuschieben.

Die Gewerkschaften drohten bereits mit Streik, wenn Regierung und Zuggesellschaften nicht die Arbeitsbedingungen für die Fahrer verbesserten und automatische Bremssysteme sofort einführten. Die konservative Opposition machte die Labour-Regierung von Tony Blair mitverantwortlich, ging dabei aber stillschweigend darüber hinweg, dass die Privatisierung von "British Rail" vor fünf Jahren von der damaligen konservativen Regierung durchgesetzt worden war. Die beiden Zuggesellschaften "Great Western" und "Thames Trains" wiesen jedoch darauf hin, dass es an genau der Stelle, wo die Kollision erfolgt war, immer wieder Signalprobleme gegeben habe.

Am Dienstag wurde noch häufig die Frage gestellt, ob man in Großbritannien noch Zug fahren kann, gestern wurde sie bei den Zugfahrenden bereits wieder in den Hintergrund gestellt. Der Kabelsender Sky News befragte Passagiere, welche Züge auf der gleichen Strecke Richtung Bahnhof Paddington benutzten, ob sie sich Sorgen um ihre Sicherheit gemacht hätten. "Ich war eher besorgt, ob der Zug überhaupt fährt", sagte ein Passagier, und ein anderer erklärte lapidar: "Warum soll ich mir Sorgen machen? Der Blitz schlägt schließlich auch nicht zweimal an der gleichen Stelle ein."

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