Welt : Die Teebeutel-Frage

Recycling ist manchmal eine Wissenschaft für sich. Doch den Deutschen liegt es am Herzen, wie eine Umweltstudie jetzt zeigt

Alva Gehrmann

Jeden Tag trifft man wieder aufs Neue die Entscheidung: Packe ich den Müll in die allgemeine Tonne, oder trenne ich ihn ganz ordentlich. Wer es damit genau nimmt, der gerät schnell in Entscheidungsschwierigkeiten. Das klassische Beispiel ist der Teebeutel: Da ist zum einen der Beutel mit den Teeblättern, der ist Biomüll. Faden und Zettel – auf dem die Teesorte steht – aber gehören eigentlich zum Altpapier. Und die Klammer, mit der dieser Zettel mitunter befestigt ist, in den Gelben Sack. Eins, zwei oder drei – letzte Chance – vorbei. Vor den Mülltonnen geht leider kein Licht an, das verrät, ob man richtig steht. So werfen die einen den Teebeutel in den Biomüll, die anderen in den Restmüll.

Recycling ist eine Wissenschaft für sich – und doch ist es den Deutschen wichtig. „Mit dem Trennen und Sortieren von Abfall beruhigt der Bürger sein Umweltgewissen“, sagt Rüdiger Schulz, vom Institut für Demoskopie Allensbach. Das Meinungsforschungsinstitut hat im Mai dieses Jahres die Studie „Umwelt 2004“ veröffentlicht, die sie im Auftrag von Der Grüne Punkt – Duales System Deutschland AG, der Zeitschrift impulse und ZDF.umwelt durchgeführt hat.

Das Ergebnis der repräsentativen Bevölkerungsumfrage: Das Interesse an Umweltthemen und die Bereitschaft, sich für den Umweltschutz einzusetzen, ist weiter groß. 80 Prozent sagten, dass Umweltschutz vor allem Sache jedes einzelnen Bürgers ist – und nicht nur des Staates oder der Wirtschaft. Die eigenen Möglichkeiten etwas beizutragen, sehen die Bürger vor allem beim Trennen und Sortieren von Abfall, der Abfallvermeidung und der Wiederverwertung.

91 Prozent geben an, ihren Hausmüll zu trennen. Doch nicht jeder geht dabei gleich akribisch vor. So gibt es zwei Typen von Abfallsortierern: die „sorgfältigen Abfallsortierer, die es damit sehr genau nehmen“ (48 Prozent) und „Bemühte, aber nicht wirklich engagierte Abfallsortierer, die Fehlwürfe nicht so schlimm finden“ (41 Prozent).

Dass der Müll getrennt wird, hat manchmal auch etwas mit Glück zu tun. Wer über einige Tage ordentlich seinen Hausmüll sortiert, bekommt mitunter ein Problem: Die Tonnen sind voll. Und was macht man nun mit dem „Grüne Punkt“-Müll? Ihn einfach neben die volle Tonne stellen, ihn doch zum Restmüll stellen, oder die Sachen wieder mit hoch nehmen? Für sorgfältige Abfallsortierer ärgerlich ist es auch, wenn sich im Biomüll Plastiktüten befinden. Oder wenn jemand einen dicken Karton einfach so in die Papiertonne packt und diese damit komplett ausfüllt.

Rüdiger Schulz, Leiter der Umwelt-Studie vom Allensbacher Institut, bezeichnet sich selbst als eine Mischung aus dem sorgfältigen und dem bemühten Abfallsortierer. Durch die Arbeit an der Studie gehe er nun aber auf jeden Fall bewusster mit dem Thema um.

Zu den wichtigen Umweltthemen gehören neben dem Sammeln und Recyceln auch der Klimaschutz, der Schutz der Meere oder der Schutz der Wälder vor Abholzung. Gegen diese globalen Umweltprobleme, glaubt der Bürger jedoch kaum etwas tun zu können – eher schon etwas zur Abfallvermeidung. Der gute Wille mag da sein, aber so richtig hält sich dann doch nicht jeder daran. Wer zu Hause noch akribisch seinen Müll trennt, deckt sich unterwegs schnell mal mit Fastfood ein, trinkt dazu Kaffee aus Pappbechern – und wirft anschließend alles in einen Mülleimer.

In der Öffentlichkeit heiß diskutiert, wurde vor allem über eins: das Dosenpfand. „In diesem Punkt herrscht bei den Bürgern noch viel Desorientierung“, sagt Schulz. Vor allem, weil auf einige Getränkeflaschen Pfand erhoben wird, auf andere aber nicht. „Die Diskussion über das Dosenpfand ist ähnlich verwirrend wie der Streit um die Rechtschreibreform.“

Jens Hubert, Kioskbesitzer aus dem Prenzlauer Berg, ärgert sich täglich über das Dosenpfand. „Das ist doch alles nur Lug und Trug“, sagt er. Die Einführung des Dosenpfands, so Hubert, sei für sein Geschäft ein schmerzhafter Eingriff. Er lebe von Impulsverkäufen, doch seit es das neue Pfandsystem gibt, kaufen die Kunden bei ihm weniger Getränke ein.

„Viele denken, sie dürften dann die Pfandflaschen nur bei mir einlösen“, sagt der Kioskbesitzer. Um seinen Kunden – und vor allem sich – das Procedere zu erleichtern, hat er nur noch Getränke im Angebot, auf die kein Pfand erhoben wird, oder deren Flaschen man in jedem Laden wieder abgeben kann. Im Allgemeinen ist die Akzeptanz des Grünen Punkts aber gestiegen. In der Umwelt-Studie gaben 67 Prozent an, die Getrenntsammlung von Verpackungen sei eine gute Sache. Generell bevorzugen mehr als zwei Drittel der Bundesbürger das Sammeln und Recyceln für die Beseitigung des Mülls. „Deponien sind absolut out, auch das Verbrennen von Müll ist weit weniger beliebt“, sagt der Allensbacher Forscher Rüdiger Schulz.

Den Müll zu trennen – das ist im Bewusstsein der Bürger tief verwurzelt. „Die Deutschen sind Weltmeister im Sammeln und Recyceln.“ Das liegt auch daran, dass in Deutschland die Infrastruktur dafür sehr gut ausgebaut ist. Wer seinen Müll trennen will, kann dies tun.

Insgesamt stellt die aktuelle Studie eine Veränderung im Umweltbewusstsein fest. Im Vergleich zu einer Untersuchung von 1995 hat sich der Anteil der „sehr stark“ an Umweltthemen Interessierten von 21 Prozent auf nur noch elf Prozent verringert. Ein Grund sind sicher die drängenden sozialen und wirtschaftlichen Probleme. Außerdem sei der Zenit des Umweltinteresses längst überschritten, sagt Schulz. „Das liegt auch daran, dass die Bürger in Deutschland schon viele Erfolge im Umweltschutz wahrnehmen.“

Etwa bei der Wasser- und Luftqualität. Der Himmel über Bitterfeld und dem Ruhrgebiet ist heute längst nicht mehr so düster und Berichte über sterbende Fische im Rhein gibt es auch nicht mehr. Es sind die Errungenschaften der Umweltinitiativen aus den 70er und 80er Jahren, einer Zeit in der Greenpeace mit seinen Aktionen für viel Aufsehen sorgte und Die Grünen sich gründeten.

Aus der Allensbacher Studie „Umwelt 2004“ wird ersichtlich, dass in der Gruppe derjenigen, die sich „stark“ oder „sehr stark“ für Umweltthemen interessieren, „im überdurchschnittlichen Anteil“ 45- bis 59-Jährige dabei sind. Also Vertreter genau der Generation, die ihr Umweltbewusstsein noch stark nach außen gezeigt hat. Umweltbewusst zu sein, ist heute normal, man kauft selbstverständlich im Biosupermarkt ein, ohne sich als Ökofreak zu fühlen.

Und der nächsten Generation wird das Einmaleins des Umweltbewusstseins früh beigebracht. Sei es in der Familie, in der Freizeit oder in der Schule. Das Thema Recyceln ist in den Unterricht integriert, Lehrer besuchen mit ihren Schülern Kinderbauernhöfe. Dort lernen sie unter anderem Naturkreisläufe kennen.

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