Welt : Die Tote lag im Park

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Von Malte Lehming, Washington

Die Nachricht verdrängt alles. Ein neuer Selbstmordanschlag in Israel? Nebensächlich. Der Präsident in Berlin? Kein Thema. Seit Mittwochnachmittag beherrscht die amerikanischen Medien nur noch eine einzige Meldung: In einem Park in Washington wurden die Überreste der vor über einem Jahr verschwundenen Praktikantin Chandra Ann Levy gefunden. Die Nachrichtenkanäle überbieten einander mit Sondersendungen. „Washington Post“ und „New York Times“ berichten ausführlich auf ihrer ersten Seite – im Gegensatz zum Bush-Besuch in Europa.

Der kommt erst auf den hinteren Seiten vor. Chandra Levy: Dieser elektrisiert die US-Öffentlichkeit. Bereits vor dem 11. September sorgte das Schicksal der 24-jährigen Frau für umfassenden Gesprächsstoff. Es ging, im Nachklang der Lewinsky-Affäre, um eine junge Praktikantin, die eine Liebesaffäre mit einem verheirateten Kongressabgeordneten hatte, der die Beziehung nach ihrem mysteriösen Verschwinden lange Zeit bestritt und dann schwieg. Den Medien wich der 54-jährige Gary Condit konsequent aus. Die Polizei sprach vier Mal mit ihm, als „wichtiger Zeuge, der bei den Ermittlungen hilft“, wie es neutral formuliert wurde. Auch sein ehemaliges Appartment wurde durchsucht. Doch nachzuweisen war ihm nichts. Trotzdem stürzte der ehrgeizige Politiker tief. Bei der Kandidaten-Kür seiner Partei für den Kongress fiel er im März diesen Jahres durch. Seinen Wahlkreis in Modesto, Kalifornien, hatte er seit 1989 repräsentiert.

Die Identität der Leiche wurde eindeutig durch Zahnanalysen bestätigt. Am Vormittag hatte ein Spaziergänger den Schädel und einige Knochen entdeckt. Sein Hund hatte im Unterholz geschnüffelt und ihn zu der Stelle gezogen. Zusätzlich zum Skelett fand die Polizei bislang einen Sport-BH, Jogginghose und Sportschuhe sowie ein tragbares Radio. Fieberhaft wird weiter nach forensischen Spuren gefahndet. Rund um die Uhr wird jeder Zentimeter im Umkreis der Leiche überprüft. Mehrere Tage werde die „archäologische“ Arbeit dauern, sagte ein Ermittler. Nachts wird das Gelände mit extra starken Scheinwerfern grell ausgeleuchtet.

Am Mittwochnachmittag - die Leiche war schon gefunden, aber noch nicht identifiziert worden - kamen die Eltern von Chandra Levy in einer aufgezeichneten Talkshow zu Wort. Parallel zu den Sondersendungen, die auf allen Nachrichtenkanälen liefen, wurden sie von Oprah Winfrey befragt. Es sei unwahrscheinlich, sagten die Eltern, dass ihre Tochter noch lebend gefunden werde. „Aber als Eltern dürfen wir die Hoffnung nie aufgeben“, ergänzte der Vater. Sowohl er als auch seine Frau glauben nach wie vor, dass der Abgeordnete Condit in den Fall verstrickt ist.

Im Herbst 2000 war Chandra Levy als Praktikantin nach Washington gekommen. Wenig später erzählte sie einer Tante, dass sie einen neuen Freund habe, einen Abgeordneten aus Modesto. Am 23. April 2001 endete ihr Praktikum. Chandra Levy bereitete sich auf ihre Rückkehr vor. Sie packte ihre Sachen, buchte den Flug und hinterließ eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter ihrer Tante, in der sie „große Neuigkeiten“ in Aussicht stellte. Am 30. April kündigte sie ihre Mitgliedschaft in einem Fitness-Center. Dort wurde sie zum letzten Mal gesehen. Am 1. Mai lebte sie allerdings noch. Denn an diesem Tag hatte sie sich im Internet die Seite der Parkverwaltung angesehen. Es war bekannt, dass sie in der Anlage oft joggte. Aufgrund dieses Hinweises hatte die Polizei im Sommer 2001 das Gelände mehrfach untersucht. Dass sie jetzt ausgerechnet dort gefunden wurde, in unmittelbarer Nähe des Jogging-Weges, bringt die Polizei in Erklärungsnot. „Es ist möglich, etwas zu suchen und nicht zu finden, obwohl es da ist“, sagt deren Chef verlegen. Nun beginnt die Zeit der Gerichtsmediziner. Genau 387 Tage lang war Chandra Levy verschwunden. Seit wann liegt ihre Leiche im Park? War es ein Unfall, Selbstmord, Mord? Geklärt ist einstweilen gar nichts.

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