Welt : Die verlorene Ehre der Antje Tremel

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Auerbach (dpa). Juristen im idyllischen Vogtland haben es nicht leicht: An diesem Mittwoch geht es im Amtsgericht Auerbach um einen vogtländischen Sauerbraten. Gestritten wird um Geschmack und Kochkunst. Antje Tremel, die Wirtin des „Schützenhauses“, einer so genannten gutbürgerlichen Gaststätte in Mylau, einem kleinen Dorf im Schatten der Göltzschtalbrücke, sieht ihren Ruf in Gefahr. Ein Gast wollte einen Sauerbraten mit Klößen und Rotkohl nicht bezahlen, weil ihm das Gericht nicht zusagte. Geklärt werden muss nun, wie ein vogtländischer Sauerbraten mittlerer Güte beschaffen sein muss.

An einem Sonntag im August vergangenen Jahres wurde dem 30- jährigen Gast der Sauerbraten serviert. Dem gelernten Restaurantfachmann, der vor rund zehn Jahren von Zwickau ins nordrhein-westfälische Münster gezogen war und an jenem Tag seine Eltern in der alten Heimat besuchte, schmeckte der angeblich original vogtländische Sauerbraten ganz und gar nicht. Die Soße war nach seiner Auffassung zu mehlig und das Rotkraut zu hell. Die geforderten 13 Mark 80 (7 Euro) wollte er nicht zahlen.

Die 38-jährige Antje Tremel beharrte auf Bezahlung. Auf den Rat der gerufenen Polizei strich sie zunächst den umstrittenen Sauerbraten von der Rechnung und wollte ihn dann einklagen. „Mir geht es ums Prinzip und um meine Ehre, da kämpfe ich bis aufs Messer“, sagt Antje Tremel. Sie befürchtet, dass ihr Restaurant, in dem rund 100 Gerichte auf der Speisekarte angeboten werden, sonst in Verruf gerät. „Den Sauerbraten bereite ich noch immer so zu, wie vor einem Jahr“, sagt die Wirtin und Köchin. Drei Tage ziehe das Fleisch in einem Sud aus Zwiebeln, Möhren und Essig. Mit Soßenkuchen, in der Region auch brauner Pfefferkuchen genannt, werde die Soße gebunden. Essig und Zucker geben dem Ganzen angeblich einen feinen Geschmack. Zwei Verhandlungstermine sind bereits geplatzt. Einmal erschien der Gast nicht, einmal hatte die Wirtin zu wenig Geld für den Gutachter überwiesen, weil sie es nicht einsah, für ihren eigenen Gutachter zu bezahlen, wenn sie doch im Recht ist. Wie immer der Prozess ausgeht: Die Kosten des Rechtsstreits, für die der Verlierer aufkommen muss, werden das fünfzigfache der Klagesumme übersteigen. Davon geht an die Justizkasse nur ein geringer Teil; der Rest fällt für Rechtsanwälte und den Sachverständigen an.

Vor drei Jahren hatte schon eine andere Vogtländerin für bundesweites Kopfschütteln gesorgt: Die streitbare Regina Zindler beschäftigte über Wochen die Medien wegen Nachbars Knallerbsenstrauch an ihrem Maschendrahtzaun.

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