Welt : "Die verlorene Rache": Rey Rosas Guatemala-Krimi

Andreas Fanizadeh

Atemberaubend und präzise erzählt Rodrigo Rey Rosas Roman die Geschichte der Entführung des Juan Luis Luna in Guatemala-Stadt. Lakonisch beginnt es mit dem Weg des Entführten Juan Luis in das finstere Versteck der Erpresser. Den Sohn, den "notorischen Taugenichts", will der Vater anfangs gar nicht auslösen. Um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen, setzen die Entführer Juan Luis brutal zu. Der für sein Leben gezeichnete Freigelassene übersiedelt nach Spanien, dann nach Marokko - auf der Flucht vor traumatischen Erinnerungen. Gemeinsam mit seiner Freundin Ana Lucía verzehrt er eine kleine Rente, versucht sich als Schriftsteller. In Tanger trifft er Paul Bowles, sein grosses literarisches Idol, und begegnet in dessen Gesellschaft einem seiner früheren Peiniger. Eingeholt von der Vergangenheit, hat Juans Flucht ein Ende, und er taucht bald darauf wieder in den Strassen von Guatemala-Stadt auf.

Hintergrund der Erzählung ist ein erst 1996, nach dreißig Jahren, beendeter Bürgerkrieg, dem etwa eine Viertelmillion Menschen zum Opfer fielen. Die für das Morden verantwortlichen Generäle um Diktator Efraín Ríos Montt kontrollieren auch heute noch Politik und Institutionen.

Die Dramatik von Rey Rosas Handlung speist sich aus Beziehungen, die von dieser beklemmenden gesellschaftlichen Konstellation geprägt sind. Die Entführer des Juan Luis stammen aus einfachen Verhältnissen. Auf die Idee Juan Luis zu entführen, kamen sie schlicht, weil sie ihr Opfer kennen: Sie sind zusammen zur Schule gegangen. Dass Juan Luis, der Bohemièn, mit seinem Vater und der Oberschicht gebrochen hat, bewegt die Täter nicht. Da sie nicht aus ihrer Klasse und Rolle können, vergreifen sie sich gemeinschaftlich an Juan Luis, der es wagte, genau dies zu tun, und werden in dessen Verstümmelung zu Komplizen - auch des Machterhalts. Rey Rosas 1995 auf Spanisch erschienener Roman erfasst die Stimmung im Guatemala nach Ende der Diktatur sehr genau, als, nach Wahlen mit geringer Beteiligung, viele der alten Machthaber wieder auf ihren Posten landeten.

Juan Luis betreibt nach seiner Rückkehr in Guatemala-Stadt ein kleines Filmtheater, das politische Dokumentarfilme zeigt und Spielfilme aus Kuba. Der Vater, mit dem sich Juan Luis nun wieder trifft, sorgt sich inzwischen um den aktiven Sohn. Und noch immer liebt Juan Luis seine Freundin Ana Lucía, die ihr Diplom vorbereitet, und mit der er zusammenlebt. Äußerlich scheint er sich mit Heim und Heimkehr zu arrangieren. Doch heimlich forscht er seinen Entführern nach.

Juan Luis sieht sich erneut mit allem konfrontiert, wovor er geflohen war. Dieselbe dunkle Bedrohung, dieselben Gefühle der Ausweglosigkeit, die Erinnerung. Erst nachdem er in einer dramatischen Szene eine Gegenüberstellung mit dem Entführer riskiert, fühlt er sich frei. Rey Rosa geht es nicht um die archaische Wechselwirkung von Vergeltung und Rache, sondern darum, diesen Kreis erzählend zu brechen, den Ausweg aus Gewalt und Gegengewalt wenigstens literarisch zu erfinden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben