Welt : Die Wärme hilft der Malaria-Mücke

Der milde Winter bringt die Natur durcheinander – vor allem Erreger und Zecken profitieren

Roland Knauer

„7500 bis 10 000 Kraniche überwintern zur Zeit in Deutschland, das ist ein Rekord,“ erzählt Günter Nowald vom Kranichzentrum in Groß Mohrdorf an der Ostseeküste. Normalerweise suchen dagegen in dieser Jahreszeit gerade ein paar Hundert Kraniche auf deutschen Äckern Maiskörner und anderes Futter zusammen. Hinter diesem Kranich-Rekord steckt der milde Winter: Lässt knackiger Frost die Seen zufrieren, haben die Kraniche keinen sicheren Schlafplatz mehr, an dem der Fuchs sie nicht erwischen kann. Und deckt Schnee die Äcker zu, finden sie dort weder Mais noch Würmer. Dann weichen die großen Vögel in südlichere Gefilde aus. Bisher aber gab es in Deutschland weder Frost noch Schnee in nennenswerten Mengen und da bleiben eben manche der Kraniche hier, die entweder in Deutschland brüten oder vor den strengeren Wintern Skandinaviens oder Polens geflohen sind.

Obendrein melden die Meteorologen in diesem Winter sehr häufig Südwestwind. Dieser schaufelt aber nicht nur Warmluft nach Deutschland, sondern würde den Kranichen bei ihrem Flug nach Spanien entgegen blasen. „Bei Gegenwind aber verbrauchen die Vögel mehr Energie und warten daher lieber auf bessere Winde“, erklärt Günter Nowald. Sollte der Winter aber im Februar doch noch mit Macht kommen, würden die Kraniche einfach fliehen und doch noch nach Süden ziehen. Diese Möglichkeit haben andere Tiere wie Mäuse nicht. „Nager werden von strengen Wintern niedergemäht“, berichtet Peter Kimmig vom Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg in Stuttgart. Der Forscher interessiert sich allerdings weniger für Mäuse, sondern eher für Zecken, die bei Säugetieren Blut saugen. Ihre häufigsten Opfer sind kleine Nagetiere. Nach strengen Wintern gibt es dann nicht nur im Frühjahr kaum Mäuse, sondern auch deutlich weniger Zecken als nach milden Wintern.

Knackiger Frost tötet auch viele Zecken direkt, deren kleiner Körper mit niedrigen Temperaturen nicht zurecht kommt. Tschechische Wissenschaftler fanden heraus: „Je milder der Winter, desto mehr Zecken plagen Nager und Menschen im Sommer“. Die Wärme im Dezember und Januar wird aber nicht nur mit häufigeren Zeckenbissen bezahlt, sondern manchmal auch mit gefährlichen Infektionen. So übertragen Zecken auch eine FSME genannte Krankheit, die Gehirnhautentzündungen auslöst. Peter Kimmig hat mit gentechnologischen Methoden dann auch gefunden, dass die FSME-Infektionsgefahr seit den 1980er Jahren um das Zehnfache gestiegen ist. Waren es früher kaum hundert FSME-Fälle in Deutschland, registrierten die Behörden 2005 schon mehr als 500 Fälle. Durch die milden Winter breitet sich das FSME-Virus langsam in der ganzen Republik aus.

Ein milder Winter hilft auch Stechmücken. Das aber lässt bei Andreas Krüger die Alarmglocken schrillen. Der Insektenforscher der Bundeswehr beschäftigt sich am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg mit Malaria und anderen Krankheiten, die sich deutsche Soldaten bei Auslandseinsätzen einfangen können. Viele dieser Krankheiten aber hängen eng mit Stechmücken zusammen. Malaria wird von Anopheles-Mücken übertragen. Von dieser Gattung gibt es in Deutschland fünf Arten. Tatsächlich war Malaria früher in Mitteleuropa heimisch. Anopheles-Mücken kommen mit kalten Wintern ganz gut zurecht, indem sie in eine Art Winterstarre fallen. Der Malariaerreger aber kann in der Mücke nur eine gewisse Zeit überleben. Nach einer längeren Winterruhe gibt es daher keine Erreger in den Mücken mehr und die Krankheit hat sich von selbst ausgerottet. Früher aber überwinterten einige Anopheles-Mücken in den warmen Ställen und konnten dort ab und zu einen Menschen stechen. So überlebten wohl einige Erreger den Winter und im Sommer begann die Infektionskette dann von Neuem. Auf diese Weise gab es in Deutschland auch nach dem Zweiten Weltkrieg noch Malariagebiete im Berliner und Leipziger Raum, auch an den milderen Küsten und in der Kölner Bucht konnte sich die Krankheit lange halten. Werden die Winter milder, könnte die Malaria wieder kommen. Bei hohen Temperaturen über zehn Grad werden die Anopheles-Mücken auch im Winter wieder aktiv und suchen sich eine Blutmahlzeit. Ist der Erreger erst einmal hier, könnte so auch die Malaria weiter verbreitet werden.

Allerdings fehlt zur Zeit noch ein Erreger, der wie einst ein spezieller Malaria-tertiana-Stamm an das rauere Klima in Deutschland angepasst ist und der nach dem Zweiten Weltkrieg ausgestorben ist. Bis sich die an das mildere Italien gewöhnte Malaria tertiana oder gar die tropische Malaria tropica an hiesige Verhältnisse anpasst, dürfte aber einige Zeit vergehen. Da ist die asiatische Tigermücke Aedes albopictus gefährlicher. Dieses Insekt ist in Südeuropa weit verbreitet, wurde aber auch schon in der Schweiz und in Belgien entdeckt. Und es überträgt so gefährliche Tropenkrankheiten wie Dengue- und Gelbfieber oder auch das West-Nil-Virus. Auch die asiatische Tigermücke übersteht kalte deutsche Winter in den Wäldern gut, aber die Dengue- und Gelbfiebererreger sterben ab. Sorgen bereitet das West-Nil-Virus, das Gehirnhautentzündungen verursachen kann: Steigen die Temperaturen nur ein wenig weiter, könnte es sich auch in Deutschland halten, befürchtet Andreas Krüger vom Bernhard-Nocht-Institut. In den USA greift diese Infektionen um sich.

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