Welt : Die Zukunft hat noch nicht begonnen

Klaus-Dieter Weiss

Supermarkt zwischen Folklore und Visionen: Am 1. Juni eröffnet die Weltausstellung. Ein architektonischer Streifzug durch HannoverKlaus-Dieter Weiss

Was kann eine Weltausstellung sein, wenn sie nicht mehr dem Diktum von Walter Benjamin folgt und Wallfahrtsstätte zum Fetisch Ware ist? Das Kolosseum, die elliptische Ausstellungshalle der Pariser Weltausstellung von 1867, bestand aus sieben konzentrische Galerien, denen jeweils ein Industriezweig oder eine Warengattung zugeordnet war. Querverbindungen zwischen den Galerien trennten die mathematisch exakte Figur in die Sektoren der 42 beteiligten Länder und 11 Kolonien. Ein Palmengarten mit Kunstobjekten füllte das offene innere Oval. An der äußeren, größten Galerie - der "Galerie des Machines" - kragte ein Schutzdach aus, unter dem Restaurants und Cafés Platz fanden. So schlicht und ergreifend waren einmal Weltausstellungen organisiert.

Der Expo-Parcours in Hannover ist dagegen trotz aller Anstrengungen des Masterplaners Albert Speer wie auch der verschwenderisch am Thema Natur werkelnden Gartenarchitekten unübersichtlich und nur mit militärischer Ausdauer in den Griff zu bekommen. Die über allem verkehrende, Gondelbahn - schwebendgelbe Briefkästen der deutschen Post, die so herzerfrischend altmodisch aussehen, als wären sie eine Leihgabe der Kölner Bundesgartenschau der fünfziger Jahre - verheißt allen Fußkranken dennoch den totalen Überblick.

Einige Länder haben einen eigenen Pavillon gebaut, andere eine Messehalle ganz oder in Teilen belegt. Eine thematisch nachvollziehbare Inszenierung lässt sich so natürlich nicht gewinnen. Auch der holzduftende Schweizer Pavillon von Peter Zumthor, der sich mit seinen leisen und poetischen Tönen eigentlich auf einer einsamen Waldlichtung befinden müsste, bildet nur eine Blockecke gegenüber MacDonalds und Open-Air-Kino. Jahrmarktatmosphäre, die geographisch zufällige Verkettung von Banalitäten und Sensationen, lässt sich nicht verheimlichen. Spätestens dann, wenn der unvorbereitet aufbrechende Expo-Besucher vor den mit Erfrischungen lockenden bunten Bretterbuden steht, die einem Pfälzer Weinfest entliehen zu sein scheinen, könnte er sich fragen, wozu Weltausstellungen heute noch gut sind. Die Expo selbst lockt populistisch mit dem Motto "Sehen, staunen, feiern". Diese allgemeine Zielvorgabe, die alle ansprechen und anlocken soll, ist jedoch ebenso gut zuhause wie überall einzulösen.

Wenn Birgit Breuel meint, es sei den Architekten gelungen, "herausragende Beispiele moderner Architektur zu realisieren", dann stimmt das nur mit erheblichen Einschränkungen. Die architektonische Ausbeute dieser Expo ist relativ gering. Von Bedeutung sind, soweit schon erkennbar, die Pavillons der Niederlande, der Schweiz, Ungarns, Japans, Finnlands, Mexikos, Portugals, Perus, Estlands. Der Rest ist im besten Fall Folklore, erfüllt mit den Pavillons von Bhutan, dem Jemen, Nepals oder dem Wüstenfort der Vereinigten Arabischen Emirate die Sehnsüchte von Karl-May-Lesern.

Wenig herausragende Architektur

So verstanden, bietet die Expo ein begehbares geographisches Lexikon. Die einzige Vernetzung der verstreuten Informationen ist von einem Themenpark zu erwarten, der sich durch fünf Messehallen zieht: eine Mischung aus internationalem Zukunftslabor und erlebnisorientierter Mitmach-Ausstellung: etwa zu den Themen Mobilität, Zukunft der Arbeit, Ernährung, Umwelt, Das 21. Jahrhundert.

Der zentrale Sammelpunkt, die Expo-Plaza, wird jedoch von sämtlichen Expo-Ansprüchen und -zielen ausgenommen. Sepp Heckmann, Vorstand der Deutschen Messe AG, sieht hier keine Expo-Gebäude, "sondern Bauten von Investoren, die selbstverständlich eigene Intentionen damit verbinden. Diese Bauten werden vor allem unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten geplant." Mitten in diesem Strudel befindet sich der bereits im Vorfeld allerorts als verbeultes Autohaus apostrophierte deutsche Pavillon von Josef Wund (vgl. Bericht vom 19.2.), der nun nun, gerade weil nicht in Architektur investiert wurde, ökonomisch zu scheitern droht. Wie es heißt, sollen Sinn und Zweck der Deutschland repräsentierenden Immobilie, die für 153 Tage zufällig ein Expo-Pavillon ist, noch völlig unbestimmt sein. Der niederländische Pavillon kann sich seiner Rolle dagegen schon gewiss sein. Er spielt die Rolle der Primaballerina unter den Nationenpavillons.

Die Rotterdamer Architekten MVRDV (Winy Maas, Jacob van Rijs, Nathalie de Vries) greifen ein ebenso altes wie gerade in den dichtbesiedelten Niederlanden drängendes Thema auf: die Notwendigkeit, Stadt und Landschaft markant zu trennen, durch massives Verdichten einerseits und rigoroses Freiräumen und Freihalten andererseits. Dazu kommt als symbolisches Motiv die Verflechtung von Architektur und Landschaft. Thema des niederländischen Pavillons ist die künstliche Vervielfältigung des Grundstücks durch das Stapeln von Landschaft in einem offenen Gebäude-Regal: Bäume, Wasser und Erde im Zwischengeschoss, aber auch Windkraftanlagen - in einigen unrealisierten Projekten der Architekten tummeln sich sogar Autos auf der Geschoßdecke. Die neuen Robin Hoods der Architekturgeschichte, deren Sherwood Forest auf der Etage sprießt, nehmen jede urbanistische Herausforderung an und bieten fern jeder Stilarchitektur spektakulären Pragmatismus. Von soviel Moderne ist der restaurative Konservatismus deutscher Prägung noch weit entfernt.

Das Expo-Areal teilt sich diesseits und jenseits der Stadtautobahn, des hannoverschen Messeschnellwegs, in ein Pavillongelände West, im unmittelbaren Anschluss an das bisherige Messegelände, und in ein Pavillongelände Ost samt deutschem Pavillon, Expo-Plaza und Expo-Arena: das Erweiterungsgelände, auf das die Hannover-Messe längst begehrliche Blicke wirft. Vermutlich wird so der deutsche Pavillon nach dem Expo-Finale am 31. Oktober als das enden, wozu er tatsächlich taugt: als Messehalle.

Die Pavillons westlich von Hermesturm und Expo-See sollen am Ende der Weltausstellung demontiert werden, die anderen stehenbleiben. Aber auch hier gibt es Ausnahmen. Der spektakuläre niederländische Pavillon stapelt seine Landschaften auf dem Gelände Ost und soll dennoch nicht bleiben dürfen. Wie dieses massive Stahlbeton-Sandwich in Hochhaus-Dimension einmal zu entfernen sein wird, ist aber auch kaum zu beantworten. Also hofft man darauf, dass sich die eigene Planung auf wundersame Weise in ihr Gegenteil verkehrt. Vielleicht kommt ein Bügerbegehren zu Hilfe, das den Bau - wie einst den verhassten Eiffelturm - zum Symbol erklärt? Die erste Chance dafür ist jedoch bereits verpasst. Bei einer Umfrage von ZDF und "Bunte" wurde der "Pavillon der Hoffnung", den CVJM, World Vision und Deutsche Evangelische Allianz in die Form eines Walfischs brachten, zum Symbol der Expo gekürt. Auch dieser Pavillon am südlichen Ende des Pavillongeländes Ost soll eigentlich nach der Expo abgebaut werden. Nun überlegt man, ob er dennoch stehen bleiben darf.

Die USA fehlen

Die Nachnutzung der anderen Pavillons Ost, ein zentrales Anliegen dieser Expo, dem der architektonische Anspruch oft genug geopfert wird, zielt nebulös auf intelligentes Gewerbe bis auf gewerbliche Wissenschaft, steht aber eigentlich, bis auf den französischen Supermarkt für Sportbekleidung, der in keine städtebauliche Strategie Hannovers passt, in den Sternen. So ist der Verdacht begründet, dass die von wachsender Konkurrenz gejagte Hannover-Messe selbst den Trödler spielt, um auszusortieren und abzuhandeln, was ihr in den Kram passt. Albert Speer: "Unser Anspruch ist, für diese Weltausstellung nichts zu bauen, was nicht hinterher auch gebraucht wird, so dass wir am Ende der Expo 2000 ein Gelände haben, das hervorragend für die Aufgaben der Region Hannover im nächsten Jahrtausend gerüstet ist." Der Fetisch Ware scheint so hinter dem ökologischen Aufkleber "Recyclebar" unvermutet wieder durch. Die Doppelstrategie der Expo, zwischen Kurzfristigkeit und Dauer, zwischen Alltag und Sensation eine Brücke zu bauen, scheint so fraglich wie jedes Mehrzweckmöbel, das im Endeffekt keine Funktion richtig erfüllt. Der "Mu-Fu-Ti" genannte Multifunktionstisch aus Leander Haußmanns Film "Sonnenallee" illustriert dieses Dilemma sehr plastisch.

Die Pariser Weltausstellung von 1867 zeigte als Zugabe auf dem Marsfeld landestypische Bauweisen. Die USA verschifften zu diesem Zweck ein für den Transport zerlegtes Präriehaus, vermutlich das erste Fertighaus. Auch in diesem Punkt kann Hannover nicht mithalten: weder hinsichtlich eines Beitrags der USA noch mit Blick auf den internationalen Anspruch des Expo-Vorzeige-Stadtteils Kronsberg. 1991 hatte Oberstadtdirektor Jobst Fiedler noch den Anspruch erhoben, Vorbilder für das "Leben im 21. Jahrhundert", eine Siedlung mit mehreren tausend Wohnungen und Arbeitsstätten zu bauen. Die besten internationalen Architekten sollten die jeweils besten Erfahrungen mit zukunftsweisenden Wohn- und Bauformen demonstrieren. Fiedler ist nicht mehr im Amt. "Eines der ehrgeizigsten Städtebauvorhaben des ausgehenden 20. Jahrhunderts", so die Selbstüberschätzung, wurde ohne jeden auf innovativen Wohnungsbau zielenden Architekten-Wettbewerb an Bauträger und Kaufleute verraten. Nicht-Architekten können den Expo-Stadtteil Kronsberg mithin aus dem Besuchsprogramm streichen. Es sei denn, man interessierte sich für luftdichte Häuser, für die Organisation von Nachbarschaftsfesten oder das weitverbreitete Unverständnis für Architektur.

Hannover hätte dem Rat von Napoleon III. folgen sollen: "Weltausstellungen sind nicht einfache Basare, sondern leuchtende Manifestationen der Kraft und der Genies der Völker." Wie die Expo 2000 vielleicht doch die schwierige Hürde nimmt, der 150 Jahre alten Idee "Weltausstellung" eine Zukunft zu geben, ist freilich erst ab dem 1. Juni zu beurteilen.

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