Diebstahl : Achtung, Tankräuber

Sie tun so, als wollten sie Zigaretten kaufen – und saugen heimlich Sprit. Es werden immer mehr.

Stefan Beutelsbacher

Der ungebremste Anstieg der Spritpreise verführt immer mehr Menschen in Deutschland zu einer dreisten wie plumpen Tat: an die Zapfsäule rollen, volltanken – und abhauen. Oder: an der Baustelle einen Baggertank anbohren und Diesel absaugen. Noch nie zuvor haben in der Bundesrepublik so viele Menschen Kraftstoff geklaut wie im Jahr 2007 und in den ersten Monaten dieses Jahres. Das geht aus aktuellen Zahlen der Landeskriminalämter hervor.

In Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Brandenburg und Thüringen sprechen die Beamten teilweise sogar von einer drastischen Zunahme von Betrugsdelikten an der Zapfsäule. „Wir führen das auf die hohen Spritpreise zurück“, sagt Maren Leisner von der Kölner Polizei. Sie rechnet damit, dass in Köln die Zahl von 2500 registrierten Fällen aus dem Jahr 2007 im laufenden Jahr deutlich überschritten wird.

Kollegen von anderen Wachen warten ebenfalls mit düsteren Tabellen auf. Einige melden, dass sich die Zahl der Betrugsfälle im Lauf der letzten Jahre in ihrem Gebiet nahezu verdoppelt hat. In Ludwigshafen etwa schlugen die Spritdiebe in den ersten Monaten dieses Jahres 479 Mal zu – im ersten Halbjahr 2005 verzeichneten die Beamten noch 241 Betrugsdelikte.

Dabei ist die Tankstelle längst nicht der einzige Tatort. Immer häufiger bohren Spritdiebe die Tanks von Baggern, Bussen und Lastwagen auf. Ihr Ziel: Diesel. Denn der ist inzwischen ebenso begehrt wie Benzin. Schuld an dem Anstieg von Dieseldiebstahl ist ebenfalls die Preisentwicklung, sagt eine Sprecherin der Polizei in Trier. In diesem Jahr sind in ihrer Wache bis Ende Juni 70 Fälle angezeigt worden – nur drei Mal allerdings prellten dabei Menschen die Zeche an der Zapfsäule. In allen übrigen Fällen war das Diebesgut Diesel. Insgesamt 20 000 Liter davon klauten Kriminelle im Gebiet der Trierer Wache aus den Tanks von Baustellenfahrzeugen.

Das liegt daran, dass es ein nahezu unmögliches Unterfangen ist, Großbaustellen bei Nacht zu kontrollieren. Bernd Michel kennt dieses Problem. Er ist Werkstattleiter der Bickhardt Bau AG – und berichtet trotz des Einsatzes von Wachdiensten von fast täglichem Spritklau. Monatlich würden mehrere tausend Liter abgezweigt. Im Herbst, wenn die Heizöltanks gefüllt werden, befürchtet Michel noch mehr Diebstähle.

Das Ausmaß des Spritdiebstahls ist für viele Polizeistellen neu. In Berlin etwa wird der Kraftstoffklau aus Fahrzeugen in den Kriminalstatistiken nicht einmal erfasst. Nach Angaben einer Polizeisprecherin werden allein die Diebstähle an der Zapfsäule ausgewiesen. Im Jahr 2007 machten sich 5735 Autofahrer auf und davon, ohne zu bezahlen – das waren etwa so viele wie 2006. Alle übrigen Formen von Spritdiebstahl sind der Berliner Statistik als eigenständiges Delikt unbekannt. In anderen Ländern wollen die Behörden angesichts der drastischen Zunahme der Fälle in Zukunft eigene Tabellen für Treibstoffklau anlegen.

Der Schaden durch Spritdiebstahl geht in die Millionen, sagt der Vizevorsitzende des Bundesverbandes Tankstellen, Günter Dederichs. Seine Befürchtung: Steigen die Kraftstoffpreise weiter, wird die Zahl der Betrugsfälle noch zunehmen – auch an den Zapfsäulen.

Den Tankstellen-Pächtern bereiten dreiste Benzindiebe schon jetzt Sorgen. Verbandsvize Dederichs erkennt ein Muster im ihrem Vorgehen: „Sie kaufen Zigaretten und ,vergessen’ zu sagen, dass sie noch getankt haben.“ Allerdings liegt die Schuld bei den Kunden. Wer erwischt werde, könne sich nicht damit herausreden, der Kassierer hätte darauf achten müssen. Allerdings haben die meisten Tankstellen Überwachungskameras. Viele Täter ließen sich anhand ihrer Autokennzeichen identifizieren, sagt die Sprecherin des Mineralölkonzerns Aral, Claudia Braun: „Die Aufklärungsquote ist hoch.“ Und das heißt: An die Zapfsäule rollen, volltanken und abhauen – diese Tat ist für Autofahrer gefährlicher denn je. (mit dpa)

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