Welt : „Dieser Fall ist ein Alarmsignal“

New Yorker Behörden warnen vor dem neuen Aidsvirus – und suchen nach seinen Spuren

Hartmut Wewetzer

Berlin - Es ist ein bisschen wie eine Zeitreise. Vor mehr als 20 Jahren versuchten amerikanische Gesundheitsbehörden, die Ausbreitung der Immunschwächekrankheit Aids zu rekonstruieren. Wer hatte wann wen infiziert? Aus Infektionsketten woben sie ein Netz, in dem sich am Ende ein Mann verfing: Gaetan Dugas, ein homosexueller kanadischer Airline-Steward, bekannt geworden als „Patient zero“. Er soll ganz am Anfang von Aids in Amerika gestanden haben und die Immunschwäche an dutzende, möglicherweise hunderte seiner Sexualpartner weitergegeben haben.

Seit einer Woche scheinen die 80er Jahre zurückgekehrt zu sein. Denn New Yorker Behörden versuchen, die Sexkontakte eines etwa 40-jährigen Mannes zu rekonstruieren. Er soll sich im Oktober 2004 mit einer möglicherweise sehr aggressiven Variante des Aidsvirus infiziert haben – und er hat vermutlich seitdem Sex mit hunderten von Männern gehabt. Mit im Spiel war kristallines Methamphetamin, ein beliebtes Aufputschmittel bei Sexpartys. Wird der „New York City Man“ der zweite „Patient zero“?

Bisher ist wenig über das vermeintliche Supervirus bekannt, weshalb sich Thomas Frieden, der Leiter der New Yorker Gesundheitsbehörden, von renommierten Aidsforschern wie Robert Gallo den Vorwurf des Alarmismus einhandelte. Fest steht, dass 19 von 20 Aidsmedikamenten dem Erreger nichts ausmachen. Und sicher ist auch, dass die Zahl der Helferzellen (ein wichtiger Bestandteil der Körperabwehr, der durch HIV zerstört wird) des „New York City man“ auf 50 pro Deziliter Blut abgesunken sind. Nach US-Definition ist er damit aidskrank. Also bereits wenige Monate nach einer Infektion, nach der normalerweise nicht selten zehn Jahre vergehen, bis Aids auftritt.

Resistenzen gegen Aidsmedikamente nehmen immer mehr zu. In Deutschland wird bei 16 Prozent der Neuinfektionen mit HIV festgestellt, dass der Erreger bereits gegen mindestens ein Medikament immun ist. Auch „Multiresistenzen“ gegen die meisten Arzneimittel sind schon beobachtet worden. Allerdings hat die Widerstandsfähigkeit gegen Medikamente ihren Preis für die Viren. Sie büßen einen Teil ihrer krankmachenden Potenz ein, Virulenz genannt.

Im ungünstigsten Fall könnte es demnach sein, dass der Erreger eine Kreuzung darstellt, die das schlechteste beider Welten vereint: die Aggressivität eines „frei lebenden“ Virus („Wildtyp“) mit der Hartnäckigkeit eines „gezähmten“, bereits mit Medikamenten behandelten und dafür resistenten Virus.

„Ein Patient macht noch kein Supervirus“, sagt Ulrich Marcus, Aidsexperte am Berliner Robert-Koch-Institut. „Es wird einige Monate dauern, bis wir Genaueres wissen.“ Marcus hält es für möglich, dass der Kranke eine zu Beginn der Infektion mit HIV nicht seltene Absenkung seiner Helferzellen durchmachte. In aller Regel erholt sich das Immunsystem danach wieder, zumindest teilweise.

Denkbar sei auch, dass das Virus eine andere molekulare „Eintrittspforte“ in die Zelle als sonst in dieser Phase der Krankheit üblich benutzt. „Es könnte auch sein, dass der Mann eine genetische Veranlagung hat, die ihn für das schnelle Fortschreiten der Krankheit anfällig macht“, sagt David Ho vom Aaron-Diamond- Aids-Forschungszentrum, in dessen Labor das Virus untersucht wird.

Die Behörden suchen nun nach den Kontakten des „New York City Man“ – bisher mit magerem Erfolg. Viele seiner Partner kannte er gar nicht mit Namen, die Kontakte knüpfte er über eine spezielle Website. Nur ein Dutzend davon haben die Behörden ausgemacht. Allein in New York leben etwa 50000 HIV-Infizierte, mehr als in ganz Deutschland. „Dieser Fall ist ein Alarmsignal“, sagt Thomas Frieden von der New Yorker Gesundheitsbehörde. Er warnt vor der grassierenden Sorglosigkeit vor allem in der Schwulenszene und vor dem Missbrauch des Aufputschmittels Methamphetamin. Weniger als die Hälfte der Männer in der New Yorker Gayszene benutzt Kondome. Frieden rät, ebenso wie deutsche Experten, zu Resistenztests bei neu Infizierten – die aber sind teuer.

Und Gaetan Dugas, der erste „Patient zero“? Er starb am 30. März 1984. Erst nach seinem Tod stellte sich heraus, dass viele Annahmen über Dugas’ zentrale Rolle bei der Ausbreitung von Aids falsch waren. Dugas war nicht „Patient zero“.

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