Welt : Dieter Hundt: Auf Taubenjagd

Joa Schmid

Im Unternehmen von Arbeitgeber-Präsident Dieter Hundt passieren zur Zeit seltsame Dinge. Dort, bei der Firma Allgaier in Uhingen, wo es sonst darum geht, hochwertige Pressteile für die Automobil-Industrie herzustellen, führen die Mitarbeiter einen aussichtslosen Kampf. Sie haben in den Produktionshallen Netze angebracht, Schutzbleche montiert und Krähenattrappen aufgestellt. Alles ohne Erfolg. Verwilderte Tauben machen sich gnadenlos über alles her, was dem Unternehmen lieb und teuer ist. Der Boden, Maschinen, Platinen und edles Blech sind immer wieder zentimeterdick mit Kot beschmutzt. Es drohen "Hygieneprobleme und Gesundheitsgefahren durch Krankheitserreger", warnt ein Aushang am schwarzen Brett.

Zweimal am Tag rücken Putzkolonnen mit Mundschutz, Schmutzlappen und Eimer gegen die unappetitliche Hinterlassenschaft vor. Doch nicht alles wird entdeckt. "Unsere Kunden beanstanden verschmutzte Teile und weisen ganze Paletten zurück", klagt Hundt. Der Allgaier-Chef stöhnt über hohe Zusatzkosten, die das Betriebsergebnis verschlechterten. Hundt: "Uns wird sogar angedroht, Aufträge abzuziehen." Der in harten Tarifauseinandersetzungen gestählte Arbeitgeber-Präsident steht bei diesem Kampf auf verlorenem Posten. Seit Monaten versucht der Boss der Bosse die Plage in den Griff zu bekommen. Vergeblich. Der Appell der Geschäftsleitung klingt entsprechend verzweifelt: "Wir fordern die Mitarbeiter auf, die Tauben auf dem Betriebsgelände nicht zu füttern."

Weder Taubenschützer, noch profesionelle Taubenvertreiber konnten dem Allgaier-Chef bisher helfen. Schon 100 000 Mark hat ihn seine Abschreckungsstrategie gekostet. Doch die ungeliebten Tierchen flattern immer noch durch die Hallen. Trotz zu erwartender Proteste von Tierschützern sieht der Arbeitgeber-Präsident jetzt nur noch einen Ausweg: "Tauben, die sich nicht vertreiben lassen, müssen abgeschossen werden." Mit offizieller Genehmigung des Göppinger Landratsamtes sollen Taubenjäger der Invasion so bald wie möglich ein Ende bereiten. Freuen kann sich der Allgaier-Chef darüber nicht: "Ich bedaure sehr, dass ich diesen Schritt gehen muss."

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