Welt : Dieter Schnebel: Leben mit dem Radiergummi

Volker Straebel

Die Autobiografie ist eine Gattung wie jede andere. Ihre Authentizität ist reine Behauptung, es gibt nichts, was sie gegenüber anderen biografischen Texten auszeichnen würde. Dass Subjekt und Objekt der Lebensbeschreibung hier zusammenfielen, ist eine gern geglaubte Illusion. Nur wer Diskretion, Selbstinszenierung und -stilisierung zu erkennen und zu deuten wüsste, vermochte dem Subtext ein unverstelltes, vielleicht gar vorbewusstes Portrait zu entnehmen. Dieses zu entschlüsseln, bliebe jedoch dem mit der dargestellten Person bereits tief Vertrauten vorbehalten - ein unmöglicher Zirkelschluss für den gemeinen Leser.

Die "Lebensblätter" des Komponisten Dieter Schnebel, die jüngst als auf 990 Exemplare limitiertes Auflagen-Objekt in der Reihe "Signatur" erschienen sind, stellen dabei einen Sonderfall dar. Für das Kunstdruck-Buch im Format 30 auf 29cm collagierte Schnebel auf 13 Doppelseiten und einem Ausblick eingefärbte Partitur-Ausschnitte, Skizzen, Notizen und Kommentare aus seinem reichen Arbeitsleben als Komponist, Theologe, Theoretiker und Lehrer. Dass diese Form des chronologisch erinnernden visuellen Kombinierens einen weiteren Werkkomplex des Autors aufgreift, den des in kleinformatigen Material-Collagen aus "Schreibtischresten" agierenden Künstlers nämlich, macht diese Autobiografie ihrerseits zu einem eigenständigen Werk. Wäre der Begriff der Konkreten Poesie nicht bereits besetzt für typografische Gedichte, er müsste für diese Kunst Schnebels aus Abfällen der Schreibtisch-Arbeit erfunden werden. Denn was anderes sind diese Blätter mit aufgeleimten Notiz-Zetteln, Partitur-Schnipseln und Radiergummikrümeln?

Die hochwertig faksimilierten und schlicht gebundenen Grafiken der "Lebensblätter" werden ergänzt durch eine signierte Audio-CD, die jeder Doppel-Seite einen Track mit kurzen Ansagen Schnebels und Ausschnitten aus im jeweiligen Zeitraum entstandenen Kompositionen zur Seite stellt. Dabei ergänzen sich Bild und Ton, einfache Verdopplungen bleiben auf dem Weg von der Geburt 1930 bis zum Milleniums-Wechsel die Ausnahme.

In seiner akustischen Erzählung beschränkt sich Schnebel auf wenige Lebensstationen in Gestalt von Wohn- und Arbeitsstätten und lässt sonst seine Musik sprechen. Was dem mit Werk und Person Vertrauten zu klanglichen Erinnerungssplittern erwachsen mag, überfordert in produktiver Weise den Laien. Schon die unterschiedlichen Raumeindrücke der Archiv-Aufnahmen verwirren. Ihre Zuordnung zu den von Schnebel verfolgten ästhetischen Entwürfen gelingt erst nach und nach und muss der biografisch-illustrativen Hörhaltung regelrecht abgerungen werden.

Schnebels akustische Collage spielt absichtsvoll mit diesem identifizierenden Hören, insbesondere an den zwei tiefen Lebenseinschnitten - dem Selbstmord seiner ersten Frau Camilla, dessen Datum der Komponist in der Textfassung in psychischer Verweigerung falsch wiedergibt, und dem eigenen Herzinfarkt 1998.

Die grafische Biografie ist ungleich komplexer. Politische Ereignisse bilden den Kontrapunkt zu der sich durch die Seiten schlängelnden roten Werk-Linie. Mehr oder weniger präsent sind die Linien der literarischen und der musikalisch-pianistischen Lektüre, der Reisen, wichtigen Publikationen und Uraufführungen. Sie spiegeln die subjektiv-persönliche Rückschau des Siebzigjährigen, des nach jahrelangem Pfarr- und Schuldienst in der Provinz inzwischen anerkannten und von der Berliner HdK emeritierten Avantgarde-Komponisten. Die visuellen Notationen der experimentellen Musik- und Stimm-Performances weichen den Re-Kompositionen klassischen und romantischen Repertoires seit den siebziger Jahren, schließlich den großen Chor- und Orchesterwerken. Sein Berliner Spezial-Ensemble "Die Maulwerker", das sich längst einen eigenständigen Platz im internationalen Musikleben erarbeitet hat, bleibt stete Verpflichtung zur Fortführung der Tradition experimentellen Komponierens, zu deren letzten Vertretern Dieter Schnebel zählt.

Einen notwendig anderen, wenn auch nicht immer distanzierteren Blick auf Schnebels Werk und Werdegang wirft die Berliner Musikwissenschaftlerin Gisela Nauck in der ersten umfassenden Monografie zum Thema, "Dieter Schnebel - Lesegänge durch Leben und Werk". In sechs Abschnitten stellt sie die nicht immer glücklich formulierte Biografie von gut nachvollziehbaren Werkbetrachtungen und ästhetischen Erörterungen getrennt dar und ermöglicht so dem Leser den raschen Zugang zur gewünschten Information. Fotos, Partitur-Auszüge und unveröffentlichte Skizzen erleichtern den Zugang zu der fundierten und mit Fußnoten gut belegten Arbeit. Ein Werkverzeichnis der Kompositionen und theoretischen Texte Schnebels unterstützen die Orientierung.

Nauck folgt konzentriert der Entwicklung von Schnebels ästhetischem Denkens. Von der frühen Webern-Rezeption führt der Weg über das Phänomen Geistlicher Musik hin zur Experimentellen Musik mit ihren gesellschaftlichen Implikationen und schließlich der Umsetzung postmoderner Positionen im dialektischen Denken von Fortschritt und Tradition in Anknüpfung an die von Schnebel verehrten Denker der Frankfurter Schule. Dass Nauck trotz des prozessualen Geschichtsbildes Schnebels immer wieder bemüht ist, zwischen den Positionen des Jugend- und Alterswerkes zu vermitteln, entspringt der an theoretischer Kohärenz interessierten Haltung der Autorin. Deren Unmöglichkeit konstatiert sie schließlich selbst in den musiktheoretischen Einzelaspekten gewidmeten Betrachtungen, wie zum neuen Musiktheater, zum Verhältnis von Musik und Sprache und von Musik und Gesellschaft. So rekapituliert Gisela Nauck Schnebels Musik-Denken in seiner ganzen Vielschichtigkeit.

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