Welt : Dimas Traum vom Fliegen

Als seine Mutter abstürzte, nahm ein Ehepaar am Bodensee das russische Waisenkind bei sich auf. Jetzt hat Dima den Pilotenschein.

Hans-Peter Walter[Überlingen]
Aufgewachsen in der Nähe der Unglücksstelle. Dima Bagin mit seinen Pflegeeltern Dorothea und Reinhard Martin. Foto: Hans-Peter Walter
Aufgewachsen in der Nähe der Unglücksstelle. Dima Bagin mit seinen Pflegeeltern Dorothea und Reinhard Martin. Foto: Hans-Peter...

Freitag, der 15. Juni, war für Dmitry Bagin ein besonderer Tag. Neben seiner Ausbildung zum Fluggerätemechaniker bei der Lufthansa in München absolvierte er an einer Flugschule in Landshut die Prüfung für seinen ersten Pilotenschein. Zwei Stunden war Dima, wie ihn seine Familie und seine Freunde nennen, mit einer Cessna in der Luft. „Alles ging gut“, sagt der junge Mann ganz sachlich: „Die Lizenz müsste bald per Post kommen.“ Vergangenen Montag lag sie im Briefkasten.

Es ist der Traum eines jeden Jungen. Für Dima war es ein besonderer Traum. Dima Bagin verlor am 1. Juli 2002 – damals war er elf Jahre alt – beim Flugzeugabsturz am Bodensee seine alleinerziehende Mutter Olga, Stewardess in der Tupolew der „Bashkirian Airlines“. Das Unglück konnte Dima, der fortan bei einem Ehepaar in Owingen-Hohenbodman aufwuchs, nicht von seinem Kindheitstraum abbringen. Im Januar wird er seine technische Ausbildung abschließen und auf den Pilotenschein für Verkehrsflugzeuge hinarbeiten. „Nur Außenstehende wundern sich darüber“, erzählt er. „Doch jeder, der in der Luftfahrt tätig ist, kann das sogar sehr gut nachvollziehen.“ Seit 1978 war Olga Bagin als Flugbegleiterin tätig gewesen. „Als Kind konnte ich mit meiner Mutter ins Cockpit“, sagt Dima. „Nachts war das besonders beeindruckend.“ Damals sei sein Berufsziel klar gewesen: Pilot wollte er werden, nichts anderes.

Ein Jahr nach dem Unglück begann für den 12-Jährigen ein neues, ein zweites Leben. Zum ersten Jahrestag war er mit seiner Tante Tatjana Bagin an den Bodensee gereist. Kurz zuvor war seine Großmutter in Ufa – die ihn aufgenommen hatte – gestorben. Am Bodensee hatte sich nach dem Unglück ein Freundeskreis „Brücke nach Ufa“ gegründet. Ihm gehört auch Reinhard Martin an, der sich als Kripo-Beamter nach dem Absturz mit den Bergetrupps um die Toten kümmern musste.

Reinhard Martin denkt an den diesen Juli 2002 zurück, als er Dima und seine Tante zur Fundstelle der Mutter begleitet hatte. Der Kripobeamte sprach mit seiner Frau und den beiden Kindern über das Thema. „Wir waren uns ganz schnell einig“, erinnern sich die Martins noch gut. „Platz hatten wir in unserem Haus, und David räumte für Dima freiwillig das schönste Kinderzimmer mit Balkon.“

Für Reinhard und Dorothea Martin hat sich mit der Entscheidung viel verändert. Die eigenen Kinder sind jetzt erwachsen, auch Dima, stattdessen toben derzeit die Pflegekinder Nummer drei und vier im Alter von vier und fünf Jahren durch das Haus in Hohenbodman und sind glücklich. „Dima war für uns der Türöffner“, sagt Dorothea Martin, „das war ein Wink des Schicksals“. Ein kurioser Zufall, dass die beiden eigenen Kinder russische Vornamen bekommen hatten. Der älteste Sohn heißt David Ivan, der zwei Jahre jüngere Aljoscha Mitja – in Anlehnung an Dostojewskis Roman „Die Brüder Karamasow“.

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