Dioxin-Skandal : Wie gefährlich ist irisches Schweinefleisch?

Irland ruft aus aller Welt Schweinefleisch zurück. Auch deutsche Supermärkte räumen irisches Schweinefleisch aus ihren Regalen. Wie gefährlich ist der Dioxin-Skandal für die Verbraucher?

Martin Alioth[Dagmar Dehmer],Dublin[Dagmar Dehmer],Daniela Martens
Schweine
Schweinefleisch aus Irland ist mit Dioxin verseucht. -Foto: dpa

Bisher wurde in Deutschland noch kein irisches Schweinefleisch entdeckt, das einen überhöhten Gehalt an Dioxin beziehungsweise dem dioxinähnlichen Gemisch PCB (polychlorierte Biphenyle) aufweist. Allerdings wurde nach Deutschland und in 20 andere Staaten auf der ganzen Welt Fleisch von irischen Betrieben exportiert, die dioxinverseuchtes Futtermittel verwendet hatten. Japan, Singapur und Südkorea verfügten deshalb ein unbegrenztes Importverbot. Offenbar haben zudem auch Rinderzuchtbetriebe das belastete Futtermittel verwendet.

Dennoch: Selbst wer von möglicherweise verseuchtem Fleisch gegessen hat, wird nicht gleich krank. Darin sind sich Ernährungsexperten einig. Etwa 2000 Tonnen Schweinefleisch aus Irland sind seit dem 1. September nach Deutschland importiert worden. Man könne „im Grunde Entwarnung geben“, sagt Jürgen Thier- Kundke vom Bundesinstitut für Risikobewertung. Da der Anteil an irischem Schweinefleisch auf dem deutschen Markt relativ gering ist, sei das „Risiko nicht so hoch, dass man über längere Zeit der Belastung ausgesetzt war“, sagt auch Henrik Düker von der Verbraucherorganisation Foodwatch. Von den 4,6 Millionen Tonnen, die Deutschland im vergangenen Jahr eingeführt hat, stammten nur etwa 10 000 Tonnen aus Irland – und damit etwa 0,3 Prozent. Allerdings kann das Fleisch auch über andere EU-Länder nach Deutschland gekommen sein.

Wie stark ist das Fleisch belastet?

„Erstaunlich hoch“, sagt Verbraucherschützer Düker. Nach ersten Tests der Lebensmittelsicherheitsbehörde in Irland seien bei manchen Proben die europäischen Grenzwerte deutlich überschritten worden. Dioxin ist ein Umweltgift, das in sehr vielen Lebensmitteln vorkommt. Seit 2005 gilt ein strenger Grenzwert für die Dioxinbelastung von Freiland eiern, drei Pikogramm (billionstel Gramm) pro Gramm Fett. Bei Fischprodukten liegt der Grenzwert mit 25 Pikogramm deutlich höher. Dioxin kommt inzwischen in der Natur überall vor. Eine Quelle sind Müllverbrennungsanlagen, die aber zunehmend weniger davon freisetzen. Das Gift ist auch in Abgasen von Industrieanlagen enthalten. Problematisch ist, dass sich der Stoff in der Natur ebenso wie im menschlichen Körper anreichert. Das heißt: Er wird nicht wieder ausgeschieden, sondern sammelt sich im Fettgewebe.

Die Dioxinbelastung in der Natur geht nur sehr langsam zurück. Speziell Böden und Gewässer sind nach wie vor mit dem Gift belastet. Zu dieser inzwischen unvermeidlichen Belastung mit Dioxin kommen immer wieder Fälle wie nun aktuell der in Irland. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt, täglich nicht mehr als ein bis vier Pikogramm pro Kilogramm Körpergewicht Dioxin zu sich zu nehmen. Da die Mengen in der Regel gering sind, aber in vielen Lebensmitteln vorkommen, ist es schwer, zu wissen, ob dieser Grenzwert einzuhalten ist.

Verantwortlich für den aktuellen Fall ist nach ersten Erkenntnissen der irischen Behörden Industrieöl im Tierfutter. Das Öl stammte offenbar aus einer Maschine zur Verarbeitung von Brotresten, wie das im Südosten Irlands ansässige Unternehmen Millstream Power Recycling mitteilte. Aus dieser Fabrik wurde verseuchtes Futter an zehn Schweinefarmen in Irland und neun weitere in Nordirland geliefert. Allein in Irland sollen nun 100 000 Schweine getötet werden.

Was muss jetzt getan werden?

„Wir brauchen von den Behörden eine Veröffentlichung der Namen und Produkte, die betroffen sind“, sagt Angela Clausen von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Dorthin und nach Schleswig-Holstein ist seit dem 1. September Fleisch von irischen Schweinen geliefert worden. Einer der betroffenen Verarbeitungsbetriebe ist Tönnies-Fleisch in der Nähe von Gütersloh, der bundesweit Supermärkte versorgt und zudem Fleischwarenproduzenten beliefert. Dort wurden am Montag bereits Lebensmittelkontrolleure vorstellig. Die Firma erklärte, alle Lieferungen aus Irland gestoppt zu haben und die Ware genau zu prüfen. Ob Produkte in andere Bundesländer wie Berlin gelangt sind, ist derzeit noch unklar.

Ernährungsexpertin Clausen empfiehlt, vorsorglich nur mageres Fleisch zu kaufen oder zumindest Fettränder abzuschneiden. Wer Fertigprodukte wie Tiefkühlpizza im Haus habe, solle bei den Herstellern nach der Herkunft des Fleisches fragen. Das tun derzeit auch die Handelskonzerne Tengelmann und Rewe. Sprecher beider Unternehmen versicherten jedoch, weder frisches noch tiefgefrorenes Fleisch aus Irland zu verkaufen. Bei Edeka liefen die Prüfungen noch, hieß es.

Welche früheren Dioxinskandale gab es?

Die Mutter aller Dioxinskandale hatte ihren Ursprung 1999 in Belgien. Dort waren Futtermittel mit Fettabfällen versetzt worden, die stark dioxinverseucht waren. Die Futtermittel waren an tausende Höfe in ganz Europa geliefert worden. Das Mischfutter wurde Rindern, Schweinen und Hühnern in den Trog gefüllt. Im gleichen Jahr hatte aber auch Deutschland seinen eigenen Dioxinskandal, auch dabei ging es um Futtermittel. In Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen war Mischfutter gefunden worden, das mit dioxinverseuchter Tonerde gebunden worden war. 2002 ist in Ostfriesland ein Skandal nur deshalb verhindert worden, weil das Gift in Krabbenschalen entdeckt worden war, bevor diese in die Futtermittelproduktion geliefert wurden. 2005 wurden zu hohe Dioxinwerte in Freilandeiern aus Deutschland entdeckt.

Welche Folgen hat der Skandal für Irland?

Der irische Schweinefleisch-Sektor ist wichtiger für die Beschäftigung als für die Wertschöpfung. Rund 7000 Arbeitsplätze in ländlichen Regionen hängen daran. Mehr als die Hälfte der Produkte wird exportiert, über die Hälfte davon ins benachbarte Großbritannien. Deutschland, Japan und Russland sind die nächsten Länder auf der Liste der Absatzgebiete. Mit einem Exportvolumen von rund 300 Millionen Euro im vergangenen Jahr belegen die Schweinebauern allerdings keinen Spitzenplatz: Allein die Exporte der Nahrungsmittel- und Getränkebranche betrugen 2007 rund 8,5 Milliarden Euro, die gesamten irischen Exporte rund 150 Milliarden.

Der eigentliche Grund für die radikale Reaktion der irischen Behörden auf den Laborbefund vom Samstag hat daher mehr mit der Marke „Irland“ im Genussmittelsektor zu tun als mit harten Zahlen. Die „Grüne Insel“ genießt den Ruf, umweltverträgliche, bekömmliche Nahrungsmittel herzustellen. Für Schweinefleisch jedoch ist dies eher weniger berechtigt, denn auch in Irland werden Schweine in großen Fabriken gehalten. Begründet ist der gute Ruf dagegen im viel größeren Markt für irisches Rindfleisch und Milchprodukte. Denn irische Rinder werden tatsächlich extensiv gehalten, also kaum in sterilen, industriellen Hangars, sondern auf der (billigeren) grünen Wiese. Die irischen Behörden wollten über das Wochenende wohl vermeiden, dass der peinliche Schweinefleisch-Skandal den gesamten Ruf des Nahrungsmittelexporteurs in Mitleidenschaft zieht.

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